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Während in Deutschland das Fällen und Aufstellen der Tannenzweige oft eisern bis zum Nachmittag des 24. Dezembers aufgeschoben wird, herrscht jenseits des Atlantiks längst ein schillerndes Festtagschaos. Amerika wartet nicht. Sobald die Truthahnreste vom Erntedankfest im Kühlschrank verstaut sind, fällt der Startschuss für eine gigantische Metamorphose. Die direkte Antwort lautet also: Der magische Stichtag für das Aufstellen des Weihnachtsbaums in den USA ist tradierterweise der Freitag nach Thanksgiving – der berüchtigte Black Friday.
Der historische Wurzelstock einer gigantischen Tradition
Die Wurzeln der US-amerikanischen Baumsucht reichen überraschend tief in europäische Migrationswellen zurück, erhielten jedoch erst im 19. Jahrhundert ihren typisch überschwänglichen Anstrich. Es waren deutsche Einwanderer, die den Brauch des geschmückten Nadelbaums im 18. Jahrhundert nach Pennsylvania brachten. Damals begegnete die puritanisch geprägte Oberschicht der Sitte noch mit abgrundtiefem Argwohn; heidnischem Hokuspokus wollte man im Neuengland jener Tage keinen Raum gewähren. Der kometenhafte Wandel vollzog sich erst, als Illustrationen der britischen Königin Victoria und ihres deutschen Gemahls Prinz Albert vor ihrem üppig dekorierten Lichterbaum in populären amerikanischen Frauenzeitschriften abgedruckt wurden. Plötzlich mutierte der Exotenschmuck zum ultimativen Symbol bürgerlicher Gemütlichkeit. Über die Jahrzehnte verschmolz dieser Import jedoch unweigerlich mit dem schier unerschöpflichen Kommerztalent der New-World-Kultur. Mit der kommerziellen Erfindung der elektrischen Lichterkette durch Thomas Edisons Gehilfen Edward Johnson im Jahr 1882 verlor der Baum seine sanfte, besinnliche Funktion und avancierte stattdessen zum leuchtenden Mittelpunkt des urbanen Spektakels. Die ursprüngliche deutsche Besonnenheit wandelte sich zu einem monatelangen Spektakel.
Vom Sägewerk ins Wohnzimmer: Der Weg zum festlichen Baum
Der Prozess des Baumkaufes gleicht in den Vereinigten Staaten einer wohlchoreografierten Zeremonie, die Familien mit akribischer Präzision zelebrieren. Zunächst steht die fundamentale Richtungsentscheidung an: Kunstharz oder duftendes Nadelholz? Entscheidet man sich für den echten Baum, pilgern Millionen Amerikaner am Thanksgiving-Wochenende auf sogenannte Christmas Tree Farms. Dort wird das Holzfällen zum nostalgischen Familienausflug mit heißem Kakao und Planwagenfahrten stilisiert. Ist der ideale Baum erbeutet, sichert man die Beute spektakulär auf dem Dach des SUV. Der nächste Schritt vollzieht sich im heimischen Wohnzimmer, wo dem Baum zunächst eine Ruhephase gegönnt wird, damit sich die gequetschten Äste entfalten können. Danach folgt das ungeschriebene Gesetz der Deko-Hierarchie: Zuerst werden Unmengen an Lichterketten tief im Inneren der Tannennadeln verlegt, um eine magische Tiefe zu erzeugen. Erst wenn die Elektrik makellos strahlt, folgen der farblich abgestimmte Baumschmuck, Erbstücke und schließlich die Spitze. Es ist ein minutiös geplantes Spektakel, das ganze Nachmittage verschlingt.
Ein Blick nach New York: Der Rockefeller Center Christmas Tree
Ein unvergleichliches Paradebeispiel für diesen nationalen Rhythmus manifestiert sich jedes Jahr mitten in Manhattan. Die Errichtung des berühmten Tannenbaums am Rockefeller Center gilt als unangefochtener Startschuss für die weltweite Weihnachtsstimmung. Die Suche nach diesem Giganten – meist eine gewaltige Rotfichte von über 20 Metern Höhe – dauert das gesamte Jahr an und gleicht einer Schatzsuche. Ist der perfekte Baum im ländlichen New York oder Connecticut aufgespürt, wird er unter Polizeieskorte mitten in die Schluchten der Weltmetropole transportiert. Millionen von Menschen verfolgen Ende November oder Anfang Dezember die spektakuläre Tree Lighting Ceremony live im Fernsehen, wenn über 50.000 LED-Lichter und ein gigantischer Swarovski-Stern gleichzeitig entzündet werden. Dieses gigantische Ereignis gibt den Takt für das gesamte Land vor: Sobald der Koloss in Midtown Manhattan erstrahlt, gibt es auch in den entlegensten Vororten von Texas bis Alaska kein Halten mehr.
Was Experten dazu sagen
Kulturhistoriker und Soziologen sehen im frühen Aufstellen des Weihnachtsbaums ein tief verankertes soziales Phänomen. Während in Europa traditionell bis zum Heiligen Abend gewartet wird, markiert in den USA der Erntedanktag (Thanksgiving) den inoffiziellen Startschuss für die Festtage. Experten betonen, dass dieser Brauch stark mit dem amerikanischen Sicherheitsbedürfnis und der Sehnsucht nach Gemütlichkeit zusammenhängt. Das feierliche Schmücken verwandelt das Eigenheim in einer dunklen Jahreszeit schlagartig in einen Rückzugsort voller Wärme und Licht.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der ökonomische Druck. Der Handel nutzt die Wochen zwischen Ende November und Ende Dezember intensiv für das Weihnachtsgeschäft. Psychologen stellen fest, dass das frühzeitige Schmücken bei vielen Menschen nachweislich die Stimmung hebt und Vorfreude erzeugt. Allerdings warnen Experten für Botanik und Brandschutz bei echten Bäumen zur Vorsicht: Wer seinen Baum bereits Ende November aufstellt, muss ihn täglich ausreichend gießen, da ausgetrocknete Nadeln eine erhebliche Brandgefahr darstellen und der Baum sonst bis zum eigentlichen Fest seine Nadeln verliert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wann ist der absolut beliebteste Tag zum Aufstellen in den USA?
Der mit Abstand populärste Zeitpunkt ist das Wochenende direkt nach Thanksgiving, insbesondere der sogenannte Black Friday. Viele Familien nutzen den arbeitsfreien Tag, um gemeinsam einen Baum auf einem Verkaufsstand oder einer Farm auszusuchen und direkt im Wohnzimmer zu schmücken.
Wann wird der Weihnachtsbaum in den USA wieder abgebaut?
Im Gegensatz zum frühen Aufstellen folgt der Abbau oft sehr schnell. Viele Amerikaner entsorgen ihren Baum direkt nach dem 25. Dezember oder spätestens am Neujahrstag. Nur wenige warten wie in Europa bis zum Dreikönigstag am 6. Januar.
Eine Frage an Sie
Verlieren wir durch das wochenlange Warten im Dezember die Magie des eigentlichen Festes – oder sollten wir uns ein Beispiel an den USA nehmen und die Besinnlichkeit einfach so früh wie möglich beginnen lassen?
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