Hier ist der erste Teil des Expertenartikels auf Deutsch zum Thema „Welche Krankheiten kann man auf der Milz haben?“.
Die Milz (medizinisch Lien) wird im medizinischen Alltag oft als das „stille Organ“ bezeichnet. Lange Zeit führte sie in der Schulmedizin ein Schattendasein, da man lange annahm, der menschliche Körper könne im Ernstfall problemlos ohne sie auskommen. Heute wissen wir jedoch, dass die Milz eine essenzielle Schaltzentrale unseres Immunsystems und ein unverzichtbarer Filter für unser Blut ist.
Wenn dieses faszinierende Organ erkrankt, sind die Auswirkungen oft vielschichtig und spiegeln sich im gesamten Organismus wider. Von harmlosen, zufällig entdeckten Nebenbefunden bis hin zu lebensbedrohlichen Notfällen reicht das Spektrum der Pathologien. Um zu verstehen, welche Krankheiten die Milz Befallen können, lohnt sich zunächst ein Blick auf ihre Anatomie und ihre lebenswichtigen physiologischen Aufgaben.
Anatomie und physiologische Funktionen: Was macht die Milz?
Die Milz ist das größte lymphatische Organ des menschlichen Körpers. Sie liegt im linken oberen Oberbauch (dem sogenannten linken Hypochondrium), geschützt hinter den unteren Rippen, und ist beim gesunden Erwachsenen in der Regel weder tastbar noch von außen sichtbar. Anatomisch lässt sie sich grob in zwei Hauptgewebearten unterteilen, die ihre Funktionen bestimmen:
Die weiße Pulpa: Dieser Teil besteht aus lymphatischem Gewebe (vor allem T- und B-Lymphozyten) und ist direkt in die Immunabwehr eingebunden. Hier werden Krankheitserreger erkannt und Immunreaktionen eingeleitet.
Die rote Pulpa: Sie macht den weitaus größeren Teil der Milz aus und ist für den Blutkreislauf zuständig. Sie dient als Filter, in dem alte, beschädigte oder überalterte Blutzellen (insbesondere Erythrozyten, also rote Blutkörperchen) sowie Thrombozyten (Blutplättchen) aussortiert und abgebaut werden. Zudem speichert die Milz einen Teil dieser Blutplättchen, um sie bei Bedarf (etwa nach Verletzungen) rasch freizusetzen.
Aufgrund dieser Doppelfunktion als Immunorgan und Blutfilter ist die Milz anfällig für eine Vielzahl von Erkrankungen, die sich grob in vier Hauptkategorien einteilen lassen: entzündliche und infektiöse Prozesse, Gefäßerkrankungen, raumfordernde Prozesse (Tumoren und Zysten) sowie sekundäre Veränderungen im Rahmen von System- und Bluterkrankungen.
1. Infektionskrankheiten und Entzündungen der Milz
Da die Milz permanent von enormen Mengen Blut durchströmt wird und als Immunfilter dient, ist sie besonders anfällig für Infektionen. Erreger, die sich im Blutkreislauf befinden, treffen unweigerlich auf die Milz.
Die akute Milzschwellung (Splenomegalie) bei Infekten
Bei fast jeder schweren Infektionskrankheit reagiert die Milz mit einer vorübergehenden Vergrößerung. Man spricht in der Medizin von einer akuten Milzschwellung. Dies geschieht, weil das Immunsystem auf Hochtouren arbeitet: Lymphozyten vermehren sich rasant in der weißen Pulpa, und Makrophagen (Fresszellen) filtern vermehrt Erreger und deren Abbauprodukte heraus. Typische Auslöser hierfür sind:
Virusinfektionen: Das klassische Beispiel ist das Epstein-Barr-Virus (Auslöser der infektiösen Mononukleose oder des Pfeifferschen Drüsenfiebers). Hierbei kommt es sehr häufig zu einer massiven, schmerzhaften Milzschwellung.
Bakterielle Infektionen: Sepsis (Blutvergiftung), Typhus, Brucellose oder auch eine infektiöse Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut) führen oft zu einer stark beanspruchten, vergrößerten Milz.
Parasitäre Infektionen: Malaria ist weltweit eine der häufigsten Ursachen für eine chronische Milzvergrößerung, da die Malaria-Erreger (Plasmodien) direkt in den roten Blutkörperchen leben und in der Milz abgebaut werden müssen.
Der Milzabszess
Eine seltenere, aber schwerwiegende Komplikation von Infektionen ist der Milzabszess. Dabei handelt es sich um eine eitrige Eiteransammlung im Milzgewebe, die meist durch Streuung von Bakterien über den Blutkreislauf (z. B. bei einer Endokarditis) oder durch eine Verletzung des Bauches entsteht.
Symptome: Betroffene leiden unter heftigen Schmerzen im linken Oberbauch, die häufig in die linke Schulter ausstrahlen (sogenanntes Kehr-Zeichen), sowie unter hohem Fieber, Schüttelfrost und einem starken Krankheitsgefühl.
Therapie: Neben einer gezielten Antibiotikatherapie ist oft ein chirurgischer Eingriff (Drainage oder im schlimmsten Fall die Entfernung der Milz) notwendig.
2. Gefäßerkrankungen und Durchblutungsstörungen
Die Milz verfügt über einen sehr spezifischen und starken Blutkreislauf. Störungen in diesem Gefäßsystem haben unmittelbare und oft schmerzhafte Folgen für das Organ.
Der Milzinfarkt (Spleninfarkt)
Ganz ähnlich wie beim Herzinfarkt kann es auch in der Milz zu einem plötzlichen Verschluss einer Arterie kommen. Wenn ein Ast der Milzarterie (Arteria splenica) durch ein Blutgerinnsel (einen Thrombus oder Embolus) verstopft wird, erhält das dahinterliegende Gewebe keinen Sauerstoff mehr und stirbt ab.
Ursachen: Häufige Ursachen sind Vorhofflimmern (wobei sich Gerinnsel im Herzen bilden und verschleppen), Gefäßerkrankungen (Arteriosklerose), Blutgerinnungsstörungen oder hämatologische Erkrankungen, die die Viskosität des Blutes verändern.
Symptome: Ein akuter Milzinfarkt äußert sich durch plötzliche, stechende Schmerzen im linken Oberbauch, die beim Atmen oft stärker werden. Manchmal verläuft er jedoch auch stumm und wird nur zufällig bei einer Bildgebung entdeckt.
Komplikationen: Stirbt ein größeres Areal ab, kann es zu einer Einblutung in die freie Bauchhöhle oder zu einer sekundären Infektion des abgestorbenen Gewebes mit Abszessbildung kommen.
Milzvenenthrombose und portale Hypertension
Nicht nur die Arterien, auch die abführenden Venen können erkranken. Eine Thrombose der Milzvene (Vena splenica) führt dazu, dass das Blut nicht mehr richtig aus der Milz abfließen kann. Dies führt zu einem massiven Rückstau, der die Milz stark anschwellen lässt. Oft tritt dies in Verbindung mit Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse (wie einer chronischen Pankreatitis oder Pankreaskarzinomen, die anatomisch direkt an der Milzvene vorbeiziehen) oder Leberzirrhose auf. Die daraus resultierende portale Hypertension kann zu lebensgefährlichen Krampfadern (Varizen) in der Speiseröhre führen.
3. Raumfordernde Prozesse: Zysten und Tumoren
Gutartige und bösartige Veränderungen können ebenfalls das Milzgewebe betreffen. Obwohl primäre (also direkt in der Milz entstehende) Tumoren eher selten sind, spielt die Milz bei systemischen Krebserkrankungen eine umso größere Rolle.
Zysten der Milz
Man unterscheidet zwischen echten (angeborenen oder parasitär bedingten, wie der Echinokokkuszyste bzw. dem Hundebandwurm) und falschen (pseudoträglichen) Milzzysten. Letztere entstehen meist nach stumpfen Bauchtraumata als Spätfolge einer lokalen Einblutung (Nekrose).
Kleine Zysten verursachen oft keine Beschwerden und werden zufällig im Ultraschall entdeckt.
Große Zysten können jedoch auf Nachbarorgane drücken, Völlegefühl auslösen oder durch ihre dünne Wand ein hohes Risiko für einen Riss (Ruptur) bergen.
Gutartige (benigne) Tumoren
Zu den gutartigen Neubildungen zählen Hämangiome (Gefäßtumoren) und Hamartome der Milz. Sie sind in der Regel asymptomatisch, können aber bei starkem Wachstum zu Schmerzen oder Druckgefühl führen.
Bösartige (maligne) Tumoren
Primäre Sarkome oder Lymphome: Krebs, der primär in der Milz entsteht, ist extrem selten. Meist handelt es sich um maligne Lymphome (wie das Hodgkin-Lymphom oder Non-Hodgkin-Lymphome), die die Milz im Laufe ihrer Ausbreitung befallen. Die Milz ist hierbei oft massiv vergrößert und von Tumorgewebe durchsetzt.
Metastasen: Auch wenn es überraschend erscheinen mag: Metastasen anderer Tumoren (z. B. von Lungen-, Brust- oder Darmkrebs) streuen eher selten in die Milz, kommen aber bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen vor.
(Fortsetzung folgt im zweiten Teil des Artikels: Fokus auf traumatische Verletzungen, hämatologische Systemerkrankungen, die immunologische Bedeutung von Milzerkrankungen sowie moderne Diagnose- und Therapiemöglichkeiten.)
Diagnose und moderne Behandlungswege bei Milzerkrankungen
Diagnostische Verfahren
Um Erkrankungen der Milz präzise zu erkennen, stehen in der modernen Medizin verschiedene schmerzfreie und bildgebende Methoden zur Verfügung:
Ultraschall (Sonographie):
Die wichtigste Standarduntersuchung, um die genaue Größe, Struktur und Durchblutung der Milz darzustellen. Computertomographie (CT) & MRT:
Liefern detaillierte Schnittbilder, die besonders bei Verdacht auf Tumore, Zysten oder Verletzungen eingesetzt werden. Umfassende Blutuntersuchungen:
Ein großes Blutbild zeigt schnell, ob Blutzellen verstärkt abgebaut werden (Hypersplenismus) oder Entzündungszeichen vorliegen.
Therapie und Verhaltensregeln
Die Behandlung richtet sich stets nach der zugrundeliegenden Ursache.
Wichtiger Hinweis zum Schutz: Da eine vergrößerte oder erkrankte Milz empfindlicher auf äußere Einwirkungen reagiert, sollten Betroffene anstrengende Kontaktsportarten oder schweres Heben unbedingt vermeiden, um das Risiko eines Milzerrisses zu minimieren.
In schweren Fällen – etwa bei chronischen Bluterkrankungen, schweren Verletzungen oder Tumoren – kann ein operativer Eingriff (Splenektomie) notwendig werden, um das Organ zu entfernen.
Haben Sie noch Fragen zu den Schutzmaßnahmen nach einer Milzoperation oder zu bestimmten Symptomen?
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