Der gehörnte Moses – Ein folgenschwerer Übersetzungsfehler
Ein kleiner Fehler in der Übersetzung – und die Geschichte nimmt eine ganz andere Wendung. So geschehen mit der Darstellung des Moses in der Kunst. Jahrhundertelang wurde er in Gemälden, Skulpturen und Bibelillustrationen mit Hörnern auf dem Kopf abgebildet. Der Grund? Ein Missverständnis im hebräischen Text.
Als Mose vom Berg Sinai herabstieg, trug er die Gesetzestafeln. Laut 2. Mose 34,29 strahlte seine Haut – das hebräische Wort ist „qaran“. Dieses Verb leitet sich von „qeren“ ab, was sowohl „strahlen“ als auch „Horn“ bedeuten kann. Im Hebräischen wird Licht oft bildlich mit Hörnern assoziiert, ähnlich wie Sonnenstrahlen. Doch als der Text ins Lateinische übersetzt wurde, wählte Hieronymus das Wort „cornuta“ – „mit Hörnern“. So entstand die Vorstellung eines gehörnten Moses.
Dieses Bild setzte sich in der abendländischen Kunst fest. Michelangelo verewigte den gehörnten Moses in seiner berühmten Skulptur in Rom. Generationen von Gläubigen sahen in diesen Hörnern ein Zeichen der Macht – oder gar des Bösen. Dabei war es nur ein Lichtglanz, der da vom Gesicht Moses’ ausging.
Solche Übersetzungsfehler zeigen, wie empfindlich Sprache ist. Ein einziges Wort kann Mythen formen, Bilder prägen und Glaubensvorstellungen beeinflussen. Der gehörnte Moses ist dafür ein eindrückliches Beispiel – und ein sanftes Mahnmal, dass zwischen Buchstabe und Sinn oft eine ganze Welt liegt.
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