Ist nehmen ein Nomen? – Eine grammatikalische Bestandsaufnahme (Teil 1)

Die deutsche Sprache ist bekannt für ihre Flexibilität, ihren Reichtum an Nuancen und nicht zuletzt für ihre manchmal trickreichen grammatikalischen Regeln. Immer wieder stehen Lernende wie Fortgeschrittene vor der Frage, wie bestimmte Wörter in einem Satz zu bewerten sind. Ein klassisches Beispiel für diese lexikalische Verwirrung ist das Wort „nehmen“.

Betrachtet man das Wort isoliert, lautet die eindeutige Antwort: Nein, in seiner Grundform ist „nehmen“ kein Nomen, sondern ein Verb (ein Tätigkeitswort oder Tuwort). Es beschreibt eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand („ich nehme“, „du nimmst“). Dennoch lässt sich beobachten, dass das Wort im alltäglichen Sprachgebrauch, in Texten oder in Übungen zur Groß- und Kleinschreibung plötzlich großgeschrieben und mit einem Artikel versehen auftaucht. Wie passt das zusammen?

Das Verb in seiner Reinform: Die Wortart im Wandel

Um zu verstehen, warum Wörter wie „nehmen“ für Unklarheit sorgen, müssen wir uns die verschiedenen Gesichter der deutschen Grammatik ansehen. Jedes Wort gehört im Wörterbuch zunächst einmal einer festen Wortart an.

  • Verben drücken aus, was jemand tut oder was geschieht. Sie sind wandelbar (konjugierbar) nach Person, Zahl, Tempus und Modus.

  • Nomen (oder Substantive) hingegen bezeichnen Gegenstände, Lebewesen, Konzepte oder eben auch Handlungen, die als Dingwort verstanden werden. Sie haben ein festes grammatikalisches Geschlecht (Genus) und lassen sich deklinieren.

Das Wort „nehmen“ fungiert in Sätzen wie „Ich möchte einen Apfel nehmen“ ganz klassisch als Vollverb. Es steht im Infinitiv (der Grundform) und bildet zusammen mit einem Modalverb das Prädikat des Satzes. In diesem Kontext ist es unverkennbar ein Verb.

Wenn aus Tun Wörtern Namen werden: Die Nominalisierung

Hier setzt jedoch der entscheidende Wendepunkt ein, der zu unserer Eingangsfrage führt. Die deutsche Grammatik besitzt ein mächtiges Werkzeug: die Nominalisierung (auch Substantivierung genannt).

Durch diesen Prozess wird eine andere Wortart – am häufigsten ein Verb oder ein Adjektiv – in ein vollwertiges Nomen verwandelt. Das bedeutet: Eine Handlung wird sozusagen „eingefroren“ und als eigenständiges Konzept oder Objekt in den Satzbau integriert.

  • Beispiel: Aus dem Verb lernen wird durch das Hinzufügen eines Artikels das Lernen.

  • Genau dieser Mechanismus greift auch bei unserem Ausgangswort. Wenn das Verb seine ursprüngliche grammatikalische Funktion verliert und stattdessen die Eigenschaften eines Substantivs annimmt, sprechen Linguisten von einem nominalisierten Infinitiv.