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Über 60 Millionen Artikel lauern in den digitalen Archiven der Wikipedia, generiert von einer unsichtbaren Armee Freiwilliger. Die nackte Wahrheit lautet: Ja, im Prinzip darf absolut jeder Mensch mit Internetzugang sofort den virtuellen Rotstift ansetzen und losschreiben. Es braucht dafür weder akademische Titel noch eine vorherige Verifizierung der eigenen Identität. Doch hinter dieser radikalen Offenheit verbirgt sich ein hochkomplexes, oft gnadenloses System aus algorithmischer Überwachung und menschlicher Qualitätskontrolle, das Vandalismus in Sekundenschnelle eliminiert.
Die digitale Ursuppe: Wie das radikale Konzept der kollektiven Intelligenz entstand
Zeitsprung ins Jahr 2001. Die Internet-Pioniere Jimmy Wales und Larry Sanger standen vor den Trümmern von Nupedia, einem hochgradig bürokratischen Lexikonprojekt, das durch seinen siebenstufigen Peer-Review-Prozess komplett gelähmt war. Frustriert suchten sie nach einer Alternative und stießen auf die Wiki-Technologie von Ward Cunningham. Die bahnbrechende, fast schon naive Idee: Warum nicht den Elfenbeinturm der Wissenschaft einreißen und das Wissen der gesamten Menschheit durch die Menschheit selbst strukturieren lassen? Was anfangs von etablierten Enzyklopädien wie dem Brockhaus oder der Britannica müde belächelt wurde, entwickelte sich rasant zu einer globalen Wissensallmende. Der Kern dieses Erfolgs war das unerschütterliche Vertrauen in das Prinzip der kollektiven Selbstregulierung. Wikipedia bewies entgegen allen Unkenrufen, dass die Masse der konstruktiven Nutzer die destruktiven Kräfte im Netz durch schiere Präsenz und unermüdliches Engagement langfristig überflügeln kann. Aus dem anarchischen Experiment wurde das wichtigste Nachschlagewerk unseres Planeten.
Der Weg zum ersten Edit: So funktioniert die Bearbeitung Schritt für Schritt
Wer eine Änderung vornehmen möchte, steht vor einer erstaunlich niedrigen Hürde. Der Einstieg gelingt spielend leicht über den Reiter "Bearbeiten" am oberen Rand fast jedes Artikels. Wikipedia stellt Neulingen einen intuitiven VisualEditor zur Verfügung, der wie ein klassisches Schreibprogramm funktioniert; alternativ lässt sich der Quelltext direkt manipulieren. Sobald die Modifikation eingetippt ist, verlangt das System eine präzise Zusammenfassung der vorgenommenen Änderungen im Feld "Zusammenfassung und Quellen". Dies ist die wichtigste Währung in der Wikipedia-Welt: Ohne valide Belege wie wissenschaftliche Arbeiten, renommierte Zeitungsartikel oder offizielle Dokumente ist eine Bearbeitung fast wertlos. Nach dem Klick auf "Änderungen veröffentlichen" greift bei unangemeldeten oder neuen Nutzern in der deutschsprachigen Wikipedia das System der "Gesichteten Versionen". Das bedeutet, dass der editierte Text nicht sofort für die gesamte Weltöffentlichkeit sichtbar wird. Stattdessen wandert er in eine Warteschlange, wo erfahrene Autoren, sogenannte Sichter, die Änderung manuell auf Plausibilität, Neutralität und offensichtlichen Vandalismus prüfen, bevor sie die Version final freigeben.
Die Anatomie eines Edit-Wars: Ein konkreter Blick hinter die Kulissen
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