Lange Zeit galt in der Öffentlichkeit eine einfache Grundregel: Wer eine Psychotherapie beginnt, tut sich etwas Gutes. Höchstens könne eine Behandlung wirkungslos bleiben, doch von schädlichen Auswirkungen oder gar einer akuten Verschlechterung der psychischen Beschwerden war selten die Rede.

In der modernen Psychotherapieforschung hat sich dieses Bild stark gewandelt. Ähnlich wie in der Pharmakologie gilt heute: Was wirkt, kann auch Nebenwirkungen haben. Doch wie kann es dazu kommen, dass ein therapeutischer Prozess, der eigentlich zur Heilung gedacht ist, Symptome vorübergehend oder im schlimmsten Fall langfristig verstärkt?

Das Phänomen der Erstverschlimmerung: Ein notwendiger Schmerz?

Ein zentraler Aspekt, wenn man über die Verschlechterung von Symptomen in der Therapie spricht, ist die sogenannte Erstverschlimmerung.

  • Aufarbeitung verdrängter Inhalte: Wer jahrelang traumatische Erlebnisse, tiefe Ängste oder schmerzhafte Konflikte verdrängt hat, holt diese im Rahmen einer Psychotherapie gezielt an die Oberfläche.

  • Vorübergehende Belastung: Wenn diese vergrabenen Gefühle ausgesprochen und bearbeitet werden, führt das bei vielen Patienten kurzfristig zu mehr Stress, Schlafstörungen, Albträumen oder einer Zunahme der Ängste.

  • Therapeutischer Nutzen: Fachleute werten diese Phase oft als Zeichen dafür, dass die Arbeit an den echten Wurzeln des Problems begonnen hat. Sie ist meistens notwendig, um langfristige Veränderungen zu ermöglichen.

Dennoch ist die Grenze zwischen einer konstruktiven, prozessbedingten Krise und einer echten, schädlichen Fehlentwicklung fließend.

Unerwünschte Nebenwirkungen und Risiken

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass ein beachtlicher Teil der Patientinnen und Patienten während einer Psychotherapie negative Effekte erlebt. Diese lassen sich in verschiedene Kategorien unterteilen:

Wichtiger Hinweis: Negative Effekte bedeuten nicht automatisch, dass die Therapie grundsätzlich falsch läuft. Sie zeigen jedoch, wie intensiv und eingreifend der Prozess für die Psyche ist.

  • Symptomausweitung: Zu den bestehenden Beschwerden können völlig neue Symptome hinzukommen, weil bisher ungelöste Konflikte das emotionale Gleichgewicht stören.

  • Soziale Belastungen: Durch die Therapie verändern sich oft das Selbstbewusstsein, die Haltung und das Verhalten von Betroffenen. Das kann zu Spannungen in bestehenden Beziehungen, Konflikten am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis führen, was die Einsamkeit oder den Stress vorübergehend massiv erhöht.

  • Emotionale Abhängigkeit: Manchmal entsteht eine zu starke Fixierung auf den Therapeuten oder die Therapiesitzungen, wodurch das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit im Alltag leidet.

Haben Sie oder jemand, den Sie kennen, das Gefühl, dass eine Behandlung eher belastet als hilft, oder stecken Sie gerade in einer schwierigen Phase der Aufarbeitung?