Orsina – eine aufgeklärte Frau ihrer Zeit?

Ja, Orsina aus „Emilia Galotti“ von Gotthold Ephrai­m Lessing kann durchaus als aufge­klär­te Frau bezeich­net wer­den, auch wenn ihre Auf­klä­rung nicht im vor­bil­d­haf­ten Sin­ne ver­stan­den wer­den sollte. Sie ist intel­lek­tu­ell bewandert, reflek­tiert und weiß um die Spiel­re­geln der höfi­schen Gesell­schaft – mehr noch: sie ver­sucht, sie für sich zu nut­zen. Ihre Selbst­be­zeich­nung als „Phi­lo­so­phin“ ist dabei kein Zufall, son­dern ein deut­li­ches Sig­nal dafür, dass sie sich als den­ken­de, selbst­be­wusst han­deln­de Frau ver­steht.

Doch ihre Auf­klä­rung bleibt ambiva­lent. Während sie Ein­sicht in Mach­t­struk­tu­ren hat, agiert sie oft aus ent­täusch­ter Liebe und Eifer­sucht. Anstatt sich eman­zi­pa­torisch für eine neue Gesell­schafts­ord­nung einzu­set­zen, nutzt sie ihre Intelligenz, um den Grafen Appi­ani zu stür­zen – nicht aus Prin­zip, son­dern weil er ihre Liebe ver­schmäht. Orsina ist also nicht auf­ge­klärt im Sin­ne einer pro­gres­si­ven Ide­a­listin, son­dern inten­tio­nal auf­ge­klärt: sie sieht klar, was ist, aber nutzt ihr Wis­sen für per­sön­li­che Zwecke.

Im Kon­trast zu Emi­lia, die mora­lisch handelt und letzt­lich für ihre Prin­zi­pien stirbt, bleibt Orsina in den Macht­spielen des Adels ver­fangen. Sie denkt auf­ge­klärt, doch handelt pas­sio­niert. Genau diese Span­nung macht ihren Charak­ter so faszinierend. Sie ist kein Mor­al­ex­emp­lar, son­dern eine kom­ple­xe Frau zwi­schen Ratio und Leid­schaf­tet – und damit sehr mensch­lich.

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