Wie die Sekunde wurde, was sie ist

Die Sekunde, wie wir sie heute kennen, hat eine überraschend wechselvolle Geschichte. Ursprünglich leitet sie sich von der altbabylonischen Zeitrechnung ab, die auf dem Sexagesimalsystem – also zur Basis 60 – beruhte. So wurde die Stunde schon damals in 60 Minuten unterteilt, jede Minute wiederum in 60 Sekunden. Dieses System setzte sich über Jahrhunderte hinweg fest, auch in der europäischen Wissenschaft und Uhrmacherei.

Doch im Zuge der französischen Revolution wollte man nicht nur politisch, sondern auch zeitlich einen radikalen Neuanfang schaffen. 1792 wurde daher der Revolutionärkalender eingeführt, mit einem komplett neuen Zeitmodell: Der Tag sollte nun zehn Stunden haben, jede Stunde bestand aus einhundert Minuten – und jede Minute aus einhundert Sekunden. Eine Sekunde im damaligen Frankreich war also länger als unsere heutige. Das System sollte alles vereinheitlichen, angefangen vom Maßstab bis zur Zeit – doch es war nicht von Dauer.

Trotz des ehrgeizigen Experiments setzte sich die dezimale Zeitrechnung nicht durch. Die Menschen gewöhnten sich nicht an Uhren mit zehn Stunden, und die alte Uhrzeit kehrte zurück. Letztlich blieb die Sekunde, wie wir sie kennen: ein 86.400stel eines mittleren Sonnentages – abgeleitet von der klassischen Einteilung, nicht von der Revolution.

Heute definiert man die Sekunde zwar viel präziser, nämlich über die Schwingungen eines Cäsium-Atoms – doch ihre historischen Wurzeln liegen tief in der Menschheitsgeschichte, zwischen Tradition, Aufbruch und gescheiterten Visionen.

Siehe auch

Ausführliche Artikel

Verwandte Themen