Kann man PTBS und Depressionen gleichzeitig haben? Ein fachlicher Blick auf Komorbidität und Diagnostik (Teil 1)
Die kurze und eindeutige Antwort aus der klinischen Psychologie und Psychiatrie lautet: Ja, man kann gleichzeitig an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und einer Depression leiden. In der Medizin und Psychotherapie bezeichnet man das gleichzeitige Auftreten zweier oder mehrerer eigenständiger Krankheitsbilder bei einer Person als Komorbidität. Das gemeinsame Auftreten von PTBS und einer depressiven Störung ist dabei keineswegs eine seltene Ausnahme, sondern im klinischen Alltag vielmehr der Regelfall.
Untersuchungen und epidemiologische Studien zeigen eindrücklich, dass ein Großteil aller Menschen, bei denen eine PTBS diagnostiziert wird, im Laufe ihres Lebens auch die Kriterien einer Major Depression erfüllt. Schätzungen zufolge liegt die Komorbiditätsrate zwischen 50 und 70 Prozent. Dennoch führt diese Kombination in der Praxis häufig zu diagnostischen Herausforderungen, Verzögerungen bei der passenden Therapie und einem enormen Leidensdruck für die Betroffenen.
Was ist eine Komorbidität?
Um das Zusammenspiel beider Störungsbilder zu verstehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf den Fachbegriff. Der Begriff Komorbidität leitet sich vom Lateinischen com (mit/zusammen) und morbus (Krankheit) ab. Wenn eine Person primär wegen der Symptome eines traumatischen Erlebnisses (PTBS) behandelt wird, aber zeitgleich Anzeichen einer schweren klinischen Niedergeschlagenheit zeigt, liegt eine komorbide depressive Störung vor.
Dabei lassen sich grundsätzlich zwei Wege unterscheiden, wie diese Doppelbelastung entsteht:
Die Depression als sekundäre Folge der PTBS: Das Leben mit den unbewältigten Folgen eines Traumas ist extrem kräftezehrend. Chronische Schlafstörungen, emotionale Taubheit, soziale Isolation und das ständige Gefühl von Bedrohung verbrauchen die psychischen und körperlichen Reserven der Betroffenen. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Kontrollverlust können im Laufe der Zeit in eine depressive Spirale führen.
Gemeinsame Risikofaktoren und Überlappungen: Traumatische Ereignisse – insbesondere chronische Entwertungs- oder Vernachlässigungserfahrungen in der Kindheit (komplexe PTBS) – schädigen das Selbstwertgefühl und das Vertrauen in die Welt nachhaltig.
Diese tiefen Wunden sind Nährboden für PTBS-Cluster als auch für affektive Störungen wie die Depression.
Die diagnostische Herausforderung: Schnittmengen der Symptome
Eine der größten Hürden für Therapeutinnen und Ärzte besteht darin, PTBS und Depression präzise voneinander abzugrenzen oder beide korrekt nebeneinander zu diagnostizieren. Das liegt daran, dass beide Störungsbilder erhebliche Phänomenologien teilen.
Zu den typischen Überlappungsbereichen gehören:
Schlafstörungen:
Während PTBS-Patienten oft unter Alpträumen, Einschlafängsten und Hyperarousal (Übererregung) leiden, weisen depressiv Erkrankte häufig Durchschlafstörungen und ein frühes morgendliches Erwachen mit Grübelzwang auf. Anhedonie und Rückzug: Der Verlust der Fähigkeit, Freude zu empfinden (Anhedonie), sowie das Gefühl der Entfremdung von nahestehenden Personen treten bei beiden Erkrankungen auf. Bei der PTBS dient der Rückzug meist dem Schutz vor Reizüberflutung oder Triggern, während er bei der Depression eher aus Antriebslosigkeit und Wertlosigkeitsgefühlen resultiert.
Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrationsstörungen, Verlangsamung oder gedankliches Feststecken (Ruminieren/Grübeln) betreffen Personen beider Diagnosegruppen.
Emotionales Taubheitsgefühl:
Betroffene schildern häufig, weder Freude noch tiefe Trauer empfinden zu können – die Welt wirkt grau und distanziert.
Unterscheidungsmerkmale: Wie differenzieren Fachleute?
Trotz dieser Gemeinsamkeiten besitzen beide Störungen klare Leitsymptome, die eine gezielte Differenzialdiagnostik ermöglichen:
Im zweiten Teil dieses Artikels widmen wir uns den neurobiologischen Ursachen dieser Doppeldiagnose, den besonderen Risiken bei fehlender Behandlung sowie den modernsten integrativen Therapieansätzen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Seien Sie der Erste.