Über zwei Milliarden Menschen weltweit bekennen sich heute zum Christentum, doch kaum jemand von ihnen weiß, wie man den Namen ihres Stifters in die Mehrzahl setzt. Wer im Duden nachschlägt, reibt sich verwundert die Augen, denn die sprachhistorische Realität unterscheidet sich grundlegend von unserem alltäglichen Sprachgefühl. Die direkte Antwort auf diese scheinbar einfache Frage lautet: Der offizielle deutsche Plural lautet Jesuse, wohingegen in der Theologie und Grammatik historisch die lateinische U-Deklination mit dem Plural Jesūs maßgeblich bleibt.

Der historische Nährboden: Wie ein aramäischer Name durch das lateinische Sprachkorsett gepresst wurde

Um das Phänomen der Pluralbildung bei Eigennamen wie Jesus zu durchdringen, müssen wir zwei Jahrtausende in der Sprachgeschichte zurückreisen. Der Name geht ursprünglich auf das aramäische Jeschua beziehungsweise das hebräische Jehoschua zurück. Als die Schriften des Neuen Testaments verfasst wurden, übersetzten die Autoren diesen semitischen Namen in das Altgriechische, wodurch die Form Iēsoūs entstand. Die Römer übernahmen diesen Namen später in ihr lateinisches System und ordneten ihn der sogenannten U-Deklination zu, einer speziellen Beugungsklasse der lateinischen Grammatik.

Im klassischen Latein veränderte sich der Name je nach Fall dramatisch: Nominativ Jesus, Genitiv Jesu, Dativ Jesu, Akkusativ Jesum und Ablativ Jesu. Da Jesus von Nazareth historisch als einzigartige Persönlichkeit galt, existierte im antiken Sprachgebrauch schlichtweg keine Notwendigkeit für einen Plural. Erst als Theologen im Mittelalter über verschiedene Schein-Erlöser, historische Doppelgänger oder figurative Nachahmer debattierten, entstand das sprachliche Bedürfnis, mehrere Personen dieses Namens zusammenzufassen. Hierbei kollidierten die Regeln der lateinischen Grammatik frontal mit den Gegebenheiten der germanischen Lautentwicklung. Das deutsche Sprachsystem sträubte sich seit jeher dagegen, ausländische Kasusflexionen nahtlos zu übernehmen, was bis heute zu Verwirrung bei Muttersprachlern führt.

Schritt für Schritt zur richtigen Form: So analysieren Sprachwissenschaftler den Plural

Die Ermittlung der korrekten Mehrzahl folgt einer klaren sprachwissenschaftlichen Logik, die man in drei aufeinander aufbauenden Schritten nachvollziehen kann. Im ersten Schritt analysiert die Germanistik die Herkunft des Wortes. Da es sich um ein Fremdwort lateinischer Prägung handelt, greifen primär die Gesetze der historischen Grammatik. Im Klassischen Latein endet das Wort im Nominativ Singular auf -us und gehört zur vierten Deklination. Nach diesen strengen Regeln bildet man den Nominativ Plural durch die Dehnung des Endvokals, gesprochen als langes u, geschrieben als Jesūs.

Im zweiten Schritt betrachten Linguisten die Eindeutschung und die alltägliche Sprachpraxis. Deutsche Substantive neigen dazu, fremde Endungen abzustreifen oder durch heimische Pluralmarker zu ersetzen. Wenn ein Eigenname im Deutschen pluralisiert wird, hängen wir üblicherweise die Endung -e oder -s an, wie bei den Müllers oder den Heinrichs. Bei Wörtern auf -us entsteht dadurch jedoch ein phonetischer Konflikt. Das Einhängen der Endung -e führt zur Form Jesuse, die zwar ungewohnt klingt, aber den phonologischen Gesetzen der deutschen Hochsprache am ehesten entspricht.

Der dritte und letzte Schritt führt uns in die moderne Lexikografie. Der Duden und wissenschaftliche Grammatiken bewerten den tatsächlichen Schreibgebrauch der letzten Jahrzehnte. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Form Jesuse als Standardplural gilt, während die Jesuse oder im theologischen Fachkontext die lateinische Sonderform genutzt wird. Wer also grammatikalisch sauber bleiben möchte, wählt je nach Zielgruppe die deutsche Standardendung oder die lateinische Fachform.

Ein konkretes Fallbeispiel: Der historische Gelehrtenstreit im 17. Jahrhundert

Wie tief die Gräben bei dieser Frage tatsächlich verlaufen, zeigt ein faszinierendes Fallbeispiel aus den theologischen Fakultäten des 17. Jahrhunderts. Während der Gegenreformation stritten Barockgelehrte in Wittenberg und Straßburg leidenschaftlich über die Übersetzung biblischer Metaphern. In Predigten tauchte gelegentlich die Warnung vor falschen Messiassen auf, woraufhin Prediger formulieren mussten, wie man sich vor mehreren falschen Christussen oder Jesussen schütze. Die Gelehrten spalteten sich in zwei unversöhnliche Lager.

Die Humanisten bestanden unnachgiebig auf dem lateinischen Jesūs mit langem Vokal. Sie argumentierten, jede Eindeutschung entweihe den Heiligen Namen und verletze die grammatikalische Würde des Urtextes. Dem gegenüber standen die volkssprachlichen Reformer, die argumentierten, dass das gemeine Volk in den Gottesdiensten kein Latein verstehe. Sie setzten sich durch und etablierten in den Flugschriften der damaligen Zeit die Schreibweise die Jesuse. Dieses historische Dokument zeigt eindrucksvoll, dass die Pluraldebatte keineswegs eine moderne Erfindung von Erbsenzählern ist, sondern seit Jahrhunderten als Schauplatz zwischen sprachlicher Tradition und pragmatischer Verständlichkeit dient.

Was Experten dazu sagen

Sprachwissenschaftler und Theologen betrachten die Frage nach dem Plural von Jesus aus zwei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln. Aus theologischer Sicht ist der Name eng mit einer einzigartigen historischen und religiösen Figur verknüpft, weshalb eine Mehrzahl in der Glaubenspraxis schlichtweg nicht vorgesehen ist. Aus rein linguistischer Perspektive handelt es sich jedoch um einen normalen Eigennamen, der theoretisch wie jedes andere Substantiv vervielfältigt werden kann.

Duden-Redakteure und Sprachhistoriker weisen darauf hin, dass die lateinische Deklination im älteren Deutsch stark nachwirkte. Während früher Formen wie Jesu für den Genitiv oder Dativ gebräuchlich waren, setzt sich in der modernen deutschen Schriftsprache eine regelmäßige Pluralbildung durch. Wer heute über mehrere Personen mit diesem Vornamen spricht – etwa im spanischsprachigen Raum, wo Jesús sehr verbreitet ist –, nutzt in der Regel die Form die Jesusse. Experten sind sich einig: Auch wenn es für viele Ohren ungewohnt klingt, entspricht diese Form den heutigen grammatikalischen Standards des Deutschen.

Häufig gestellte Fragen

Gibt es einen offiziell anerkannten Plural im Duden?

Ja, der Duden führt für den Namen primär die Pluralform die Jesusse an. In historischen oder theologischen Kontexten begegnet man gelegentlich noch der lateinisch geprägten Form die Jesu, diese gilt im modernen Alltagssprachgebrauch jedoch als veraltet und kommt fast ausschließlich in tradierten religiösen Texten vor.

Warum wirkt die Pluralbildung bei Eigennamen oft unnatürlich auf uns?

Eigennamen dienen primär dazu, eine ganz bestimmte, individuelle Person zu identifizieren. Da wir Namen emotional und funktional mit Einzelstücken verbinden, strömt unser Sprachgefühl gegen eine Vervielfachung. Erst wenn mehrere Individuen denselben Namen tragen, entsteht ein praktischer Bedarf für eine Pluralform, die sprachlich angepasst werden muss.

Eine Frage zum Nachdenken

Wenn Sprache sich ständig weiterentwickelt und veränderte gesellschaftliche Realitäten widerspiegelt – sollten wir dann traditionelle Sonderregeln für historische Namen konsequent aufgeben oder verliert unsere Sprache dadurch ein Stück ihrer lebendigen Geschichte?