Wussten Sie, dass die stärksten Sehnen unseres Körpers enormen Zugkräften standhalten, aber völlig unvorbereitet durch winzige biochemische Störungen aus der Bahn geworfen werden können? Wenn von Krankheiten die Rede ist, die Sehnen angreifen, steht meist die Tendinitis oder die chronische Tendinose im Raum. Dahinter verbergen sich schmerzhafte Prozesse, bei denen das Gewebe durch Überlastung, Stoffwechseldefekte oder rheumatische Erkrankungen mürbe wird, reißt und schließlich seine elastische Stabilität verliert.

Der steinige Weg des Bindegewebes: Ursprünge und chronische Verläufe

Sehnen sind faszinierende biologische Strukturen. Sie bestehen überwiegend aus straffem Kollagengewebe, das Muskeln an Knochen heftet. Historisch gesehen betrachteten Mediziner Sehnenleiden lange Zeit als reine Abnutzungserscheinungen. Wer viel arbeitet oder exzessiv Sport treibt, nutzt sie ab – so dachte man. Heute wissen wir jedoch, dass dieser rein mechanische Blick greift zu kurz. Komplexe systemische Prozesse spielen eine entscheidende Rolle. Sobald das Immunsystem fehlgesteuert reagiert, wie es bei rheumatischen Erkrankungen oder der gefürchteten Spondylarthritis der Fall ist, geraten die Sehnenansätze ins Kreuzfeuer.

Der Körper beginnt plötzlich, Antikörper gegen das eigene Gewebe zu bilden oder chronische Entzündungskaskaden in Gang zu setzen. Diese Prozesse verlaufen oft schleichend. Betroffene spüren morgens eine seltsame Steifigkeit, die sich erst nach längerem Bewegen legt. Das Kollagengerüst verliert sukzessive seine geordnete Struktur. Wo einst parallele Fasern für reibungslose Kraftübertragung sorgten, entsteht ein chaotisches Gewirr aus minderwertigem Narbengewebe. Das Risiko steigt rapide, je älter das Gewebe wird, doch auch genetische Faktoren und Stoffwechselerkrankungen wie Gicht hinterlassen tiefe Spuren in den feinen Faserstrukturen.

Der unsichtbare Kollaps: Wie der Abbau im Detail funktioniert

Betrachten wir den molekularen Zusammenbruch genauer. Alles beginnt mit einer winzigen Läsion oder einer anhaltenden biochemischen Irritation. Zellen im Sehnengewebe, die sogenannten Tenozyten, schlagen Alarm. Sie schütten Botenstoffe aus, die Entzündungen anheizen. Das Problem: Sehnen besitzen von Natur aus eine eher spärliche Blutversorgung. Nährstoffe diffundieren nur langsam ein, weshalb auch Reparaturprozesse extrem träge ablaufen. Wenn nun ständig Reize auf das Gewebe einwirken, schaltet der Körper in einen dauerhaften Notmodus.

Enzyme, genauer gesagt Matrix-Metalloproteinasen, fressen sich förmlich durch die Kollagenmatrix. Sie zerstören die tragenden Strukturen, bevor neue aufgebaut werden können. Gleichzeitig sprossen winzige, ungeplante Blutgefäße und Nervenfasern in das Gewebe hinein. Diese sogenannte Neovaskularisation ist Fluch und Segen zugleich: Sie soll Heilung bringen, sorgt aber durch die begleitenden Nerven dafür, dass jeder Zug am Gewebe heftige Schmerzen auslöst. Das Gewebe verliert seine Zugfestigkeit, wird weich, quillt auf und neigt schließlich zu Mikrorissen. Ohne therapeutisches Eingreifen droht im schlimmsten Fall die komplette Ruptur der Sehne.

Ein klassischer Fall aus der Praxis: Wenn die Achillessehne streikt

Nehmen wir den Fall von Thomas, einem ambitionierten Hobby-Marathonläufer Mitte vierzig. Jahrelang lief er schmerzfrei, bis eines Tages nach dem Training ein stechender Schmerz an der linken Achillessehne auftrat. Zunächst ignorierte er das Pochen, schob es auf die neuen Laufschuhe. Doch nach wenigen Wochen war an Sport nicht mehr zu denken. Selbst das normale Gehen glich einem Eiertanz. Die Ultraschalluntersuchung in der Praxis offenbarte ein drastisches Bild: Die Sehne war auf das Doppelte ihrer normalen Dicke angeschwollen, das Gewebe zeigte dunkle, aufgelockerte Areale – klassische Anzeichen einer degenerativen Tendinopathie.

Bei Thomas kamen mehrere Faktoren zusammen: Eine verkürzte Wadenmuskulatur, ein erhöhter Harnsäurespiegel im Blut und das harte Training auf Asphalt. Der Körper hatte versucht, die Mikrorisse permanent zu reparieren, schoss dabei jedoch über das Ziel hinaus und produzierte minderwertiges Gewebe. Erst eine konsequente Entlastung, kombiniert mit speziellen exzentrischen Kräftigungsübungen und einer Ernährungsumstellung, stoppte den Teufelskreis. Der Fall zeigt exemplarisch, wie anfällig unser Bewegungsapparat für das Zusammenspiel aus mechanischer Last und innerer Stoffwechselschwäche ist.

Was Experten dazu sagen

In der modernen Sportmedizin und Rheumatologie sind Erkrankungen der Sehnen längst in den Fokus der Forschung gerückt. Experten betonen übereinstimmend, dass die traditionelle Sichtweise, Sehnenentzündungen rein als akute Entzündungsprozesse zu betrachten, überholt ist. Stattdessen sprechen Fachleute heute meist von einer Tendinopathie. Dieser Begriff umfasst degenerative Veränderungen, bei denen nicht die Entzündung an sich im Vordergrund steht, sondern der fortschreitende Verschleiß und fehlerhafte Reparaturprozesse des Kollagengewebes.

Renommierte Orthopäden weisen darauf hin, dass insbesondere chronische Überlastung und metabolische Faktoren – wie sie beispielsweise bei rheumatischen Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen auftreten – die Struktur der Sehnen nachhaltig schwächen. Das bedeutet für die Praxis: Reine Ruhigstellung oder der alleinige Einsatz von entzündungshemmenden Medikamenten greifen oft zu kurz. Stattdessen plädieren Experten für einen aktiven Behandlungsansatz. Gezieltes, progressives Krafttraining, bei dem die Sehnen kontrolliert unter Zugspannung gesetzt werden, gilt heute als Goldstandard. Dieser Reiz regt die Fibroblasten – die sehnenbildenden Zellen – dazu an, neues, stabiles Kollagen zu produzieren. Zudem gewinnen regenerative Therapieverfahren zunehmend an Bedeutung, auch wenn hierbei die individuelle Belastbarkeit des Patienten stets im Mittelpunkt der Diagnostik stehen muss.

Häufig gestellte Fragen

Ist jede Sehnen-Erkrankung automatisch eine Entzündung?

Nein, das ist ein weitverbreiteter Irrglaube. Während früher Begriffe wie Sehnenscheidenentzündung oder Tendinitis üblich waren, zeigen moderne histologische Untersuchungen, dass es sich bei chronischen Beschwerden meist um eine Tendinopathie handelt. Dabei liegt keine klassische Entzündung mit Immunzellen vor, sondern eine Degeneration des Gewebes, bei der die Kollagenfasern ungeordnet und beschädigt sind. Entzündungen treten meist nur in der akuten Anfangsphase oder bei systemischen Erkrankungen wie Rheuma auf.

Kann man Sehnenproblemen durch Ernährung vorbeugen?

Eine ausgewogene Ernährung unterstützt zweifellos die generelle Gesundheit des Bindegewebes, bietet jedoch keinen absoluten Schutz vor sehnenangreifenden Krankheiten. Da Sehnen jedoch aus Proteinen und insbesondere Kollagen aufgebaut sind, spielen eine ausreichende Eiweißzufuhr sowie Vitamine wie Vitamin C eine wichtige Rolle für die Kollagensynthese. Noch wichtiger als die Ernährung ist jedoch ein ausgewogenes Verhältnis von Belastung und Erholung im Alltag sowie beim Sport, um Mikrotraumata rechtzeitig auszuheilen.

Wie viel Schmerz sind wir bereit zu ignorieren, bevor unser Körper endgültig streikt?