Wie entwickelt sich das Über-Ich? (Teil 1)
Die Frage, wie sich das Über-Ich im Laufe des menschlichen Lebens herausbildet, gehört zu den faszinierendsten und komplexesten Kapiteln der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse. Nach Sigmund Freuds Strukturmodell der Psyche fungiert das Über-Ich als die innere moralische Instanz, die gewissermaßen als innerer Richter oder Gewissen agiert. Es repräsentiert die Werte, Normen, Gebote und Verbote der Gesellschaft, die im Zuge der Sozialisation verinnerlicht werden.
Doch das Über-Ich ist keineswegs angeboren.
1. Das Fundament: Vom äußeren Zwang zum inneren Maßstab
In den ersten Lebensmonaten und -jahren eines Kindes existiert noch kein eigenständiges Über-Ich. Das Verhalten des Kleinkinds wird primär vom Es (den Trieben und unmittelbaren Bedürfnissen) und einem sich langsam formenden Ich (dem Vermittler zur Realität) gesteuert.
Die äußere Kontrolle: Zu Beginn wird das Kind von außen reguliert. Eltern und Erzieher setzen Grenzen, sprechen Verbote aus und belohnen oder bestrafen bestimmtes Verhalten. Das Kind gehorcht zunächst nicht aus eigener Moral, sondern aus Angst vor dem Verlust der elterlichen Liebe oder vor Bestrafung.
Der Prozess der Introjektion: Im Laufe der kindlichen Entwicklung findet ein psychischer Mechanismus statt, den die Psychoanalyse als Introjektion bezeichnet. Das Kind nimmt die moralischen Maßstäbe, Forderungen und Wertvorstellungen der Eltern in seine eigene Psyche auf.
2. Die Rolle der Identifizierung
Ein zentraler Motor bei der Entstehung des Über-Ichs ist die Identifizierung mit den Eltern. Das heranwachsende Kind bewundert, liebt und fürchtet seine Bezugspersonen gleichermaßen. Um mit den unausweichlichen Konflikten zwischen den eigenen Triebwünschen und den elterlichen Ansprüchen umzugehen, beginnt das Kind, sich unbewusst die Haltung, die Ideale und die Verbote der Eltern zu eigen zu machen.
Freud betonte dabei, dass das Über-Ich nicht einfach eine Kopie der tatsächlichen elterlichen Erziehungsmethoden ist. Interessanterweise fließt in die Strenge des sich entwickelnden Über-Ichs oft etwas ganz anderes ein:
„Die Erfahrung lehrt, daß die Strenge des Über-Ichs, das ein Kind entwickelt, keineswegs die Strenge der Behandlung, die es selbst erfahren hat, wiedergibt.“
Stattdessen übernimmt das kindliche Über-Ich häufig die vermeintlichen oder idealisierten Maßstäbe der Eltern sowie deren eigene moralische Instanzen, was zu einer mitunter überraschend großen Strenge des eigenen Gewissens führen kann.
3. Die Abspaltung und Verselbstständigung
Mit fortschreitendem Alter löst sich das Über-Ich schrittweise von den konkreten, realen Elternfiguren. Es wird unpersönlicher und abstrakter.
Das Gewissen als Mahner: Wenn das Ich nun einen Impuls verspürt, der diesen verinnerlichten Normen widerspricht, reagiert das Über-Ich mit Schuldgefühlen oder Gewissensbissen.
Die Schutzfunktion: Gleichzeitig dient das reife Über-Ich der psychischen Stabilität und dem sozialen Zusammenleben, indem es destruktive oder egoistische Impulse hemmt und moralisches Handeln ermöglicht.
Möchtest du, dass ich im zweiten Teil genauer darauf eingehe, wie sich das Über-Ich während der Pubertät weiterverändert und welche Konflikte zwischen Ich und Über-Ich im Erwachsenenalter entstehen können?
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