Wie merke ich, dass ich dissoziiere? (Teil 1)

Der Begriff Dissoziation klingt zunächst sehr technisch und abstrakt, beschreibt jedoch einen Zustand, den im Grunde jeder Mensch schon einmal in irgendeiner Form erlebt hat. Aus psychologischer Sicht handelt es sich dabei um einen Schutzmechanismus unseres Gehirns: Wenn Stress, Überforderung, Angst oder traumatische Erlebnisse zu intensiv werden, schaltet die Psyche gleichsam einen Notgroschen frei. Sie trennt Wahrnehmung, Erinnerung, Bewusstsein oder Körperempfinden voneinander ab, um uns vor dem unmittelbaren seelischen Schmerz zu bewahren.

Während leichte Formen im Alltag völlig normal sind – wie das klassische „Tagträumen“ oder das Vertieftsein in ein Buch, bei dem man die Zeit vergisst –, können stärkere dissoziative Zustände sehr beängstigend sein. Doch woran merkt man überhaupt, dass man gerade dissoziiert? Die Anzeichen sind oft vielschichtig und reichen von körperlichen Veränderungen bis hin zu mentaler Entfremdung.

1. Das Gefühl der Entfremdung: Depersonalisation und Derealisation

Eines der häufigsten Merkmale einer Dissoziation ist das Gefühl der Unwirklichkeit, das sich meist in zwei Formarten zeigt:

  • Depersonalisation (Entfremdung vom eigenen Ich): Betroffene haben oft das Gefühl, wie ein Zuschauer neben sich zu stehen und das eigene Handeln von außen zu beobachten. Die eigene Stimme kann fremd klingen, oder der Körper fühlt sich taub, schwer oder wie aus Gummi an. Manchmal greift man sich an den Arm und merkt rational zwar, dass man sich berührt, spürt es aber emotional oder körperlich kaum.

  • Derealisation (Entfremdung von der Umwelt): Hierbei wirkt die äußere Welt plötzlich unwirksam, fremd oder wie durch einen Schleier oder eine Glasscheibe wahrgenommen. Farben können blasser erscheinen, Geräusche gedämpft wirken oder vertraute Orte plötzlich vollkommen fremd vorkommen.

2. Zeitgitter und Erinnerungslücken

Ein weiteres klares Indiz ist ein verändertes Zeitempfinden. Minuten können sich wie Stunden anfühlen oder umgekehrt – Stunden verfliegen in einem diffusen Zustand, ohne dass man weiß, was in dieser Zeit geschehen ist.

  • Zeitverlust: Häufig bemerken Betroffene erst rückblickend, dass ihnen ein größeres Zeitfenster fehlt. Man fährt beispielsweise eine Strecke Auto und weiß am Ziel angekommen nicht mehr, wie man eigentlich dorthin gelangt ist, da die Fahrt wie auf Autopilot absolviert wurde.

  • Amnesien: Bei stärkeren Dissoziationen können echte Erinnerungslücken entstehen, bei denen wichtige Informationen oder Erlebnisse temporär oder dauerhaft aus dem Bewusstsein gelöscht zu sein scheinen.

3. Emotionale Taubheit und innere Leere

Wenn Gefühle zu stark oder bedrohlich werden, zieht die Psyche den Stecker. Das Resultat ist eine plötzliche emotionale Taubheit]. Man empfindet weder Freude noch Trauer, weder Wut noch Angst – es herrscht eine gänzliche innere Leere. Für die Betroffenen fühlt sich das oft so an, als ob das Herz von einer dicken Eisschicht umgeben wäre. Man funktioniert im Alltag zwar weiter, fühlt sich dabei aber innerlich wie tot oder robotartig gesteuert.

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