Der sechste Fall im Lateinischen: der Vokativ
Im Lateinischen gibt es insgesamt sechs Fälle, die jeweils eine bestimmte Funktion im Satz erfüllen. Neben den bekannten Fällen wie Nominativ, Genitiv oder Dativ ist der Vokativ der sechste und oft übersehene Fall. Er wird verwendet, wenn man jemanden direkt anspricht – also beim Anrufen oder Hinweisen auf eine Person.
Der Vokativ unterscheidet sich vom Nominativ meist nur in maskulinen Substantiven der zweiten Deklination. So heißt „Paulus“ im Nominativ, aber im Vokativ „Paulus!“ – gesprochen etwa mit betonter Ausrufung: O Paulus!. Bei Wörtern wie „puer“ (Junge) wird aus „puer“ im Vokativ einfach „puer!“ – wie in „He, Junge!“.
Interessanterweise sieht der Vokativ bei vielen Substantiven genauso aus wie der Nominativ. Bei Wörtern der ersten Deklination etwa wie „Marcus“ (männlich) oder „Aeneas“ bleibt die Form unverändert: „O Marce!“ oder „Aenea!“. Auch Feminina wie „filia“ (Tochter) bilden im Vokativ „filia!“ – „Tochter!“.
Im Alltag des antiken Roms war der Vokativ allgegenwärtig – in der Schule, im Theater, auf dem Marktplatz. Wer Latein lernt, stößt früher oder später auf Sätze wie „Ecce, amice!“ („Sieh her, Freund!“) oder „O Caesar!“. Hier verrät gerade die Ausrufungsform den Gebrauch des Vokativs.
Obwohl der Fall im Deutschen keine Entsprechung hat, ist sein Gebrauch einfach zu verstehen: Er ist der Fall der direkten Ansprache. Wer also einmal laut „O tempora, o mores!“ ruft, nutzt ganz klassisch den Vokativ – den sechsten Fall der lateinischen Grammatik.
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