Wie man eine schlechte Rede hält – ironische Ratschläge vom Meister der Schlagfertigkeit
„Meine Damen und Herren“ – so beginnt man doch, oder? Nicht, wenn man es richtig machen will. Laut den ironischen Weisheiten, die man Kurt Tucholsky zuschreibt, sollte man stattdessen drei Meilen vor dem Anfang starten. Also lieber mit Familiengeschichte, Weltkriegsanekdoten und einer ausführlichen Lebensbeichte beginnen – Hauptsache, niemand versteht noch, worum es geht.
Ein guter Redner spricht frei, klar und prägnant. Ein schlechter Redner hingegen hält sich penibel an das Manuskript – Wort für Wort, Satz für Satz. Und wie man schreibt, so spricht man dann eben auch: verquirlt, verschachtelt, voller Nebensätzen, die sich durch den Raum schleppen wie ein überladener Einkaufswagen. Lange Sätze sind Pflicht, besonders, wenn sie niemand mehr verfolgen kann. Je komplizierter, desto besser – Hauptsache, das Publikum nickt nur noch aus Höflichkeit.
Und Zeit? Die spielt keine Rolle. Unter anderthalb Stunden braucht es gar nicht erst zu versuchen, wenn man wirklich Eindruck schinden will. Je länger, desto schmerzhafter. Das Publikum gähnt, schaut auf die Uhr, beginnt, Mails zu checken – perfekt! Das ist der Moment, in dem der Meister seines Metiers erst richtig in Fahrt kommt.
Doch natürlich: Diese Tipps sind mit einem Schuss Ironie gemeint. Denn in Wahrheit weiß jeder, der je eine wirklich gute Rede hörte, dass es andersherum ist – klar, kurz, ehrlich und direkt. Tucholsky wusste das. Und wer es nicht versteht, darf gern mal eine halbe Stunde über „drei Meilen vor dem Anfang“ nachdenken.
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