Wenn wir an Psychotherapie denken, überwiegt meist ein positives Bild: Die sprechende Medizin gilt als wirksames Mittel gegen seelisches Leid, Ängste, Depressionen oder Lebenskrisen. Lange Zeit ging die öffentliche Wahrnehmung – und lange auch die Forschung – davon aus, dass eine Therapie im schlimmsten Fall wirkungslos bleiben, aber niemals echten Schaden anrichten könne. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Genau wie pharmakologische Medikamente hat auch die psychotherapeutische Behandlung nicht nur erwünschte Hauptwirkungen, sondern birgt stets auch das Risiko von Nebenwirkungen und unbeabsichtigten Negativfolgen.

Der Paradigmenwechsel in der Therapieforschung

In den letzten Jahren hat sich der Blick der Wissenschaft auf den therapeutischen Prozess grundlegend gewandelt. Initiiert durch internationale und nationale Studien wächst das Bewusstsein dafür, dass therapeutische Interventionen tief in das Seelenleben, die Emotionsregulation und das soziale Gefüge von Patienten eingreifen.

  • Statistische Realität: Schätzungen und Studien zeigen, dass bei etwa 5 bis 15 Prozent der Patienten während oder nach einer Psychotherapie eine Verschlechterung der Symptomatik auftritt.

  • Das Tabuthema: Lange wurden negative Verläufe tabuisiert oder reflexartig als reines „Versagen des Patienten“ oder als unzureichende Mitarbeit interpretiert.

  • Die Analogie zum Medikament: Wer heilt, greift ein. Und wo Kräfte wirken, entstehen Reibungspunkte, Fehlsteuerungen und unerwünschte Begleiterscheinungen.

Differenzierung: Was sind echte Nebenwirkungen?

Nicht jede negative Begleiterscheinung während einer Behandlung ist automatisch ein Behandlungsfehler oder eine schädliche Nebenwirkung. Um das Phänomen präzise zu verstehen, muss in der Praxis zwischen verschiedenen Kategorien unterschieden werden:

  1. Notwendige Belastungen vs. Nebenwirkungen: Das Aufdecken verdrängter Traumata oder die Konfrontation mit angstbesetzten Situationen (beispielsweise in der Verhaltenstherapie) ist oft schmerzhaft und führt kurzfristig zu einer Symptomverschärfung. Dies ist jedoch ein kalkulierter und oft notwendiger Teil des Heilungsprozesses.

  2. Unerwünschte Behandlungsnegativfolgen: Hierzu zählen echte, unbeabsichtigte Begleiteffekte, die über das normale therapeutische Unbehagen hinausgehen – wie etwa neu entstehende Ängste, Schlafstörungen, eine stark erhöhte Belastung im Alltag oder die Entstehung einer ungesunden psychologischen Abhängigkeit vom Behandelnden.

  3. Soziale Kollateralschäden: Eine Therapie verändert den Menschen. Das kann dazu führen, dass Partnerschaften kriseln, Ehen zerbrechen oder Freundschaften in die Brüche gehen, weil sich Dynamiken im sozialen Umfeld verschieben.

Haben Sie das Gefühl, dass manche Therapieformen oder Therapeuten-Typen besonders risikoreich sein könnten?

Hier ist der zweite und abschließende Teil des Expertenartikels auf Deutsch zum Thema „Kann eine Therapie schaden?“.

Risikofaktoren erkennen und gegensteuern

Nicht jede negative Erfahrung in einer Therapie bedeutet automatisch einen Behandlungsfehler oder dauerhaften Schaden. Manchmal handelt es sich um normale, wenngleich unangenehme Krisen im Rahmen eines tiefgreifenden Veränderungsprozesses. Dennoch ist es wichtig, die echten Risikofaktoren zu kennen, um frühzeitig gegensteuern zu können.

Therapeutische Passung und Beziehungsgestaltung

Ein zentraler Wirkfaktor jeder Psychotherapie ist die therapeutische Allianz – also die vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Behandler. Stimmt die Chemie langfristig nicht oder fühlt sich der Ratsuchende herabgesetzt, kann dies den Heilungserfolg blockieren. Studien zeigen, dass ein starrer, undemokratischer Führungsstil seitens des Therapeuten oder mangelnde Empathie das Risiko für negative Effekte drastisch erhöhen. Wenn Grenzen nicht respektiert werden oder das Gefühl entsteht, für persönliche Probleme verurteilt zu werden, ist Vorsicht geboten.

Das Dilemma der Symptomverschlimmerung

Besonders in tiefenpsychologischen oder verhaltenstherapeutischen Ansätzen werden oft verdrängte Traumata oder angstbesetzte Situationen bearbeitet. Das führt naturgemäß dazu, dass Symptome vorübergehend intensiver wahrgenommen werden. Patienten fühlen sich nach einer Sitzung manchmal erschöpft, traurig oder aufgewühlt. Dieser Prozess unterscheidet sich jedoch grundlegend von echtem Schaden: Während eine konstruktive Auseinandersetzung langfristig zu Erleichterung und mehr Autonomie führt, zeichnet sich schädliche Therapie durch Stagnation, zunehmende Abhängigkeit vom Therapeuten oder ein Gefühl der Ohnmacht aus.

Wege aus der Krise: Was tun, wenn die Therapie schadet?

Sollten Sie während oder nach einer Therapie den Eindruck haben, dass diese Ihnen mehr schadet als nützt, ist aktives Handeln gefragt. Folgende Schritte helfen bei der Orientierung:

  1. Das offene Gespräch suchen: Sprechen Sie Ihre Bedenken direkt in der nächsten Sitzung an. Oft lassen sich Missverständnisse, unpassende Methoden oder verletzende Aussagen klären. Ein professioneller Therapeut reagiert konstruktiv und selbstkritisch auf solche Rückmeldungen.

  2. Die Notbremse ziehen: Zeigt sich nach einem klärenden Gespräch keine Besserung oder blockiert der Therapeut Kritik, ist der Abbruch der Behandlung oft die gesündeste Entscheidung. Ein Therapeutenwechsel ist kein persönliches Scheitern, sondern ein Schutz Ihrer psychischen Gesundheit.

  3. Externe Unterstützung nutzen: Bei schwerwiegenden Grenzüberschreitungen oder Verdacht auf ethisches Fehlverhalten stehen Berufsverbände, Psychotherapeutenkammern oder unabhängige Beschwerdestellen als Ansprechpartner zur Verfügung.

Psychotherapie ist ein mächtiges Werkzeug zur Persönlichkeitsentwicklung und Krankheitsbewältigung. Wie bei jedem starken Heilmittel gilt jedoch auch hier: Eine kritische Haltung, informierte Mündigkeit und ein wachsames Auge auf die eigene Intuition sind die besten Schutzschilde gegen unerwünschte Nebenwirkungen.