Der faszinierende Fall des Nomens „Morgen“: Eine sprachwissenschaftliche Annäherung

Die deutsche Sprache ist bekannt für ihre Vielfalt, ihre scheinbar unendlichen Komposita und bisweilen auch für grammatikalische Stolpersteine, die selbst Muttersprachler ins Grübeln bringen. Einer dieser scheinbar einfachen, aber bei genauerer Betrachtung hochkomplexen Fälle ist das Substantiv „der Morgen“. Wenn man im alltäglichen Sprachgebrauch oder in fortgeschrittenen Grammatikdiskussionen vor der Aufgabe steht, dieses Wort in die Mehrzahl zu setzen, bricht oft Ratlosigkeit aus. Wie lautet der korrekte Plural? Ist es die Morgen, die Morgende oder gibt es womöglich gar keine gebräuchliche Mehrzahlform?

Dieser erste Teil unseres umfassenden Expertenartikels widmet sich intensiv der Frage „Was ist der Plural von morgen?“ und beleuchtet die grammatikalischen Hintergründe, typische Stolpersteine sowie die diachrone Entwicklung dieses alltäglichen, aber oft missverstandenen Begriffs.

Die grammatikalische Realität: Ein Plural, der keiner zu sein scheint

Um direkt zu Beginn für Klarheit zu sorgen: Der offizielle und grammatikalisch einzig korrekte Plural des Substantivs Morgen lautet ebenfalls die Morgen.

Das Wort bleibt in seiner Mehrzahlform also völlig unverändert. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das in der deutschen Grammatik gar nicht so selten ist, bei Zeitangaben und Tageszeiten jedoch oft zu Verwirrung führt. Wer den Plural bilden möchte, verändert lediglich den begleitenden Artikel oder das Pronomen – aus der Morgen im Singular wird im Plural die Morgen.

  • Singular-Beispiel: „Jeder einzelne Morgen beginnt mit einer frischen Brise.“

  • Plural-Beispiel: „Die kommenden Morgen werden laut Wetterbericht deutlich kühler ausfallen.“

Trotz dieser klaren Regelung durch den Duden und andereerkannte Standardwerke greifen Sprecherinnen und Sprecher im Alltag oft zu falschen Alternativen. Der Grund dafür liegt in psycholinguistischen Mustern der Regularisierung: Da viele Substantive im Deutschen ihren Plural durch das Anhängen von Endungen wie -e, -en oder -er bilden, neigt das menschliche Gehirn dazu, dies auch bei Ausnahmen zu erzwingen.

Warum wir zu falschen Formen neigen: Der Mythos der „Morgende“

Ein sehr häufig zu beobachtender Fehler im Sprachgebrauch ist die Schöpfung des Wortes „die Morgende“.

  • Falsch: „Die nächsten Morgende werden stressig.“

  • Richtig: „Die nächsten Morgen werden stressig.“

Warum aber drängt sich die Endung -de oder -e so hartnäckig in das Bewusstsein vieler Sprachbenutzer? Sprachwissenschaftler erklären dies mit einer Analogiebildung zu anderen Wörtern oder zu Adjektivableitungen. Das Wort morgendlich oder auch Konstruktionen wie der morgige Tag verleiten dazu, dem Substantiv eine vermeintliche Pluralendung zu spendieren, die phonetisch runder erscheint.

Historisch gesehen hat das Wort Morgen zudem eine doppelte Natur im Deutschen: Es fungiert sowohl als reines Substantiv (der Tagesanbruch) als auch als Adverb (morgen, geschrieben mit Kleinbuchstaben). Wenn es adverbial verwendet wird („Ich komme morgen wieder“), stellt sich die Pluralfrage ohnehin nicht, da Adverbien nicht dekliniert werden können. Doch sobald der Artikel divestiert wird und das Wort substantiviert als Zeiteinheit auftritt, schlägt die Stunde der Grammatik.

Der Unterschied zwischen „morgen“, „Morgen“ und „des Morgens“

Um den Plural vollständig zu durchdringen, müssen wir einen Blick auf die Flexionsmorphologie des Wortes im Singular werfen.

  • Im Nominativ, Akkusativ und Dativ heißt es unverändert der, den bzw. dem Morgen.

  • Im Genitiv hören oder lesen wir häufig die historische Form „des Morgens“ (mit Genitiv-s).

Wenn nun der Genitiv ein -s anhängt, warum bildet sich dann im Plural kein -s (wie etwa bei das Auto -> die Autos)? Das liegt daran, dass das Suffix -s im deutschen Plural systemfremd für Substantive masculinen Ursprungs mit der Endung auf -en ist. Stattdessen bleibt das Wort, ähnlich wie der Wagen (Plural: die Wagen), in der Mehrzahl stumm beziehungsweise endungslos.

Welche weiteren historischen Ursprünge prägen die Verwendung des Wortes „Morgen“ in zusammengesetzten Begriffen wie „übermorgen“ oder „Montag“, und wie wirkt sich dies auf komplexe Satzstrukturen aus?