Goethe und der Schädel Schillers
Am 24. September 1826 geschah etwas, das heute kaum vorstellbar wirkt: Johann Wolfgang von Goethe empfing den Schädel seines verstorbenen Freundes und Kollegen Friedrich Schiller. Überreicht wurde er auf einem blauen Samtkissen – eine Szene, die an ein mittelalterliches Ritual erinnert, doch hatte sie ihren Grund in der damaligen wissenschaftlichen Neugier.
Schiller war 1805 gestorben und in Jena beigesetzt worden. Über zwanzig Jahre später, im Zuge einer Exhumierung, entdeckte man, dass die sterblichen Überreste durcheinandergeraten waren. Um Klarheit zu schaffen, bat man Goethe, der Schiller gut gekannt hatte, um Hilfe bei der Identifizierung. Der Dichterfürst, damals bereits 77 Jahre alt, ließ sich den vermeintlichen Schädel Schillers zeigen – und bestätigte die Zugehörigkeit anhand der Form und einer alten Verletzung.
Goethe blieb dabei, so berichten Zeitzeugen, bemerkenswert gefasst. Er betrachtete die Geste nicht als makaber, sondern als Ausdruck der Ehrerbietung und des Respekts vor dem großen Dichter. Für ihn war Schiller nicht nur ein literarischer Weggefährte, sondern eine zentrale Figur der deutschen Klassik – und sein bleibendes Vorbild.
Heute wirkt die Szene seltsam, fast unheimlich. Doch in der Romantik war das Interesse am Körper, an Schicksal und Unsterblichkeit besonders ausgeprägt. Goethe, der selbst naturkundliche Studien betrieb, sah in dem Schädel nicht nur ein Relikt, sondern ein Zeugnis menschlicher Größe. Der Schädel Schillers – oder das, was man dafür hielt – blieb schließlich in Goethes Besitz und wurde später in Weimar aufbewahrt.
Ein seltsames Kapitel deutscher Geistesgeschichte – und doch ein Zeugnis tiefster Verehrung.
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