Ist Alexithymie erblich?

Die Frage, ob Alexithymie – also die Unfähigkeit, eigene Emotionen zu erkennen und auszudrücken – vererbt wird, ist komplex. Experten wie Rufer weisen darauf hin, dass die familiäre Umgebung eine grosse Rolle spielt. Wenn Eltern wenig mit ihren Gefühlen umgehen und Gefühle im Alltag kaum thematisiert werden, wächst das Kind in einer emotional distanzierten Atmosphäre auf. Das kann die eigene emotionale Entwicklung stark beeinträchtigen.

Doch ist das dann schon Vererbung oder eher ein erlerntes Verhalten? Die Antwort ist nicht eindeutig. Es gibt Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten, aber ebenso wichtig ist die emotionale Sozialisation in der Familie. Kinder lernen, indem sie beobachten. Wer von klein auf kaum emotionale Reaktionen bei den Eltern sieht, entwickelt oft selbst keine tiefe emotionale Sprache.

Es ist daher wahrscheinlich, dass sowohl Veranlagung als auch Umwelt zusammenwirken. Eine verhaltene Gefühlswelt der Eltern kann also sowohl genetisch bedingt sein als auch als Muster weitergegeben werden – unbewusst und über das Verhalten. Das bedeutet nicht, dass Betroffene machtlos sind. Mit Psychotherapie oder gezieltem Training kann man im Erwachsenenalter lernen, Emotionen besser wahrzunehmen und zu benennen.

Die Erkenntnis, dass emotionale Kälte oft mehr mit Erziehung als mit reinen Genen zu tun hat, eröffnet Hoffnung: Auch wer in einem gefühlsarmen Umfeld aufgewachsen ist, kann später lernen, seine inneren Regungen zu verstehen und auszudrücken. Es braucht nur etwas mehr Aufmerksamkeit – und den Mut, hinzuschauen, was lange verdrängt war.

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