Der Tempusgebrauch im Lateinischen
Im Lateinischen ist der Gebrauch der Zeitformen, der sogenannte Tempusgebrauch, oft flexibler, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Besonders das Präsens wird nicht nur verwendet, um Vorgänge in der Gegenwart auszudrücken – also das, was gerade geschieht. Es dient auch dazu, vergangene Ereignisse lebendig und anschaulich zu schildern. In diesem Fall spricht man vom historischen Präsens.
Das historische Präsens macht die Erzählung intensiver und näher am Geschehen. Statt trocken über eine Schlacht in der Vergangenheit zu berichten, etwa mit „Caesar besiegt die Gallier“, sagt der römische Schriftsteller: „Caesar besiegt die Gallier“ – als ob es gerade vor den Augen des Lesers passiert. Diese Stilmittel finden sich häufig bei Geschichtsschreibern wie Caesar oder Sallust.
Außerdem kann das Präsens auch allgemeingültige Wahrheiten ausdrücken. So etwa in philosophischen oder naturwissenschaftlichen Texten: „Die Sonne geht auf“, nicht als Beschreibung eines einzelnen Moments, sondern als wiederkehrendes, zeitloses Geschehen. Man nennt das dann das zeitlose oder aoristische Präsens.
Der Tempusgebrauch im Lateinischen zeigt also, dass Zeitformen nicht immer starr an die Chronologie geknüpft sind. Das Präsens ist viel mehr als nur die Gegenwart – es kann Geschichte vergegenwärtigen, Dauerzustände beschreiben oder allgemeine Erkenntnisse vermitteln. Diese Wendigkeit macht den Stil vieler lateinischer Texte so lebendig und beeindruckend bis heute.
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