Östrogene und die männliche Sexualität: Ein unterschätzter Faktor?
Östrogene gelten oft als „weibliche“ Hormone, doch auch bei Männern spielen sie eine entscheidende Rolle – besonders für die sexuelle Gesundheit. Viele sind überrascht, dass das männliche Gehirn und der Körper auf Östrogene angewiesen sind, um normale sexuelle Funktionen aufrechtzuerhalten.
Forscher haben beobachtet, dass Männer mit einem extrem seltenen Gendefekt, dem sogenannten Aromatasedefizit, fast kein Östrogen bilden können. Diese Männer leiden oft unter erheblich reduzierter Libido, weniger sexuellen Fantasien und geringerem sexuellen Aktivitätsniveau. Interessant: Bei Behandlung mit Östrogenen besserte sich nicht nur das sexuelle Verlangen, sondern auch die Häufigkeit von Masturbation und Geschlechtsverkehr nahm deutlich zu. Dies zeigt, dass Östrogene kein überflüssiger Bestandteil im Stoffwechsel des Mannes sind, sondern ein zentraler Regulator der männlichen Sexualität.
Studien an sogenannten ERab-KO-Mäusen – genetisch veränderten Tieren ohne Östrogenrezeptoren – bestätigen diesen Befund. Diese Tiere zeigen praktisch kein sexuelles Interesse mehr, was darauf hinweist, dass die Wirkung von Östrogenen über ihre spezifischen Rezeptoren im Gehirn vermittelt wird.
Trotz dieser Erkenntnisse bleibt die Rolle von Östrogenen bei Männern in der klinischen Praxis oft unterschätzt. Zu unrecht, denn sie beeinflussen nicht nur das Verhalten, sondern auch Stimmung, Knochengesundheit und Fettverteilung. Die gezielte Hormonbehandlung bei bestimmten Störungen könnte daher sinnvoll sein – selbst für Männer. Wichtig ist jedoch, dass jede Therapie sorgfältig abgewogen und medizinisch überwacht wird, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
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