Einleitung: Das Phänomen der nächtlichen Kälte im Schichtdienst
Wer im Nachtdienst arbeitet, kennt dieses unverkennbare Gefühl: Die Uhr zeigt mitten in der Nacht, die Kolleginnen und Kollegen wirken wach, doch plötzlich kriecht eine eisige Kälte in die Glieder. Selbst wenn das Thermostat im Aufenthaltsraum angenehme 21 Grad anzeigt, zieht man sich freiwillig eine dicke Fleecejacke über, während man am Schreibtisch sitzt oder im Krankenhausflur unterwegs ist. Das Phänomen, im Nachtdienst stark zu frieren, ist weitverbreitet und betrifft Millionen von Menschen in den unterschiedlichsten Branchen – von der Pflege und dem Rettungsdienst über die Logistik bis hin zur Sicherheitsüberwachung.
Die innere Uhr und die Thermoregulation
Um zu verstehen, warum der Körper nachts so stark auskühlt, muss man einen Blick auf die menschliche Biologie werfen. Unser Körper folgt einem evolutionär tief verankerten Rhythmus, der sogenannten inneren Uhr oder dem zirkadianen Rhythmus. Dieser Rhythmus steuert nicht nur unseren Schlaf-Wach-Zyklus, sondern reguliert auch komplexe physiologische Prozesse wie die Hormonausschüttung, den Blutdruck und eben die Körperkerntemperatur.
Absinken der Kerntemperatur: Normalerweise sinkt die Körperkerntemperatur des Menschen in den späten Abendstunden kontinuierlich ab und erreicht ihren tiefsten Punkt – den sogenannten Tiefpunkt oder Nadir – in den frühen Morgenstunden zwischen 3:00 Uhr und 5:00 Uhr.
Biologisches Energiesparen: Dieser Temperaturabfall ist ein evolutionäres Signal an den Organismus, dass es Zeit für Ruhe und Regeneration ist. Der Körper fährt seinen Stoffwechsel herunter und verbraucht weniger Energie.
Konflikt mit dem Arbeitsalltag: Im Nachtdienst zwingen wir unseren Körper jedoch genau zu dieser Zeit zu Höchstleistungen, Konzentration und körperlicher Aktivität. Die biologische Temperaturkurve läuft somit diametral gegen die Anforderungen des Berufslebens.
Das Zusammenspiel von Hormonen und Gefäßen
Neben dem natürlichen Absinken der Kerntemperatur spielen auch hormonelle Faktoren eine entscheidende Rolle bei der nächtlichen Kälteempfindlichkeit. Während des Tages schüttet der Körper vermehrt Cortisol und andere wachheitsfördernde Hormone aus, die unter anderem für eine stabile Durchblutung und einen aktiven Stoffwechsel sorgen.
In der Nacht veränderten sich diese hormonellen Spiegel drastisch:
Melatonin-Ausschüttung: Die Zirbeldrüse produziert verstärkt das Schlafhormon Melatonin. Dies signalisiert dem Körper, dass die Ruhephase begonnen hat.
Vasodilatation (Gefäßerweiterung): Um überschüssige Wärme abzugeben und die Körperkerntemperatur zu senken, weiten sich nachts die Blutgefäße in den Extremitäten (Hände und Füße). Das warme Blut strömt vermehrt in die Hautoberfläche, wo die Wärme an die Umgebung abgegeben wird.
Gefühl von kalten Händen und Füßen: Paradoxerweise führt dieser Prozess dazu, dass sich Hände und Füße eiskalt anfühlen, während der Körper gleichzeitig innerlich auskühlt. Das subjektive Kältegefühl steigt massiv an, weil die peripheren Temperatursensoren im Körper Alarm schlagen.
Welche weiteren physiologischen und verhaltensbedingten Ursachen tragen dazu bei, dass man im Nachtdienst besonders anfällig für Kälte ist, und welche praktischen Strategien helfen im Alltag dagegen? (Diese Fragen beleuchten wir im nächsten Teil dieses Artikels.)
Hier ist der zweite und abschließende Teil des Expertenartikels auf Deutsch, der sich mit praktischen Gegenstrategien und Tipps gegen das Frieren im Nachtdienst widmet:
Effiziente Gegenstrategien: So bleiben Sie im Nachtdienst warm
1. Das Zwiebelprinzip neu gedacht
Im medizinischen oder pflegerischen Bereich ist dicke Kleidung oft unpraktisch. Setzen Sie stattdessen auf das Zwiebelprinzip mit Funktionskleidung.
Die unterste Schicht: Atmungsaktive Funktionsunterwäsche (Merinowolle oder synthetische Fasern) transportiert Schweiß weg vom Körper und verhindert, dass Sie durch Verdunstungskälte auskühlen.
Die Zwischenschicht: Eine leichte Fleecejacke oder eine Strickweste speichert die Körperwärme optimal.
Die Arbeitskleidung: Wählen Sie Kittel oder Kasacks, die etwas lockerer sitzen, damit eine isolierende Luftschicht entstehen kann.
2. Gezielte Wärmezufuhr von innen
Kalter Kaffee oder eisiges Wasser verstärken das Frösteln zusätzlich.
Trinken Sie stattdessen heißen Ingwertee, Brühe oder zuckerfreien Gewürztee. Die Wärme wirkt direkt im Magen-Darm-Trakt und signalisiert dem Körper Entlastung.
Essen Sie protein- und fettreiche Snacks (z. B. Nüsse, Haferflocken oder eine warme Suppe). Die thermische Wirkung der Nahrung (Nahrungsmittelinduzierte Thermogenese) kurbelt den Stoffwechsel an und erzeugt Körperwärme.
3. Bewegung und Durchblutung ankurbeln
Wenn der Körper stundenlang in derselben Position verharrt, verlangsamt sich die Blutzirkulation in den Extremitäten.
Nutzen Sie kurze Pausen für aktive Mikropausen: Ein paar Kniebeugen, Wadenheben oder schnelles Treppensteigen aktivieren die große Muskulatur und schütten Adrenalin aus, das die Blutgefäße weitet.
Vermeiden Sie es, die Beine im Sitzen übereinzuschlagen, da dies den Blutfluss in den Beinen drosselt.
4. Die richtige Raum- und Pausengestaltung
Während die Arbeitsräume oft kühl klimatisiert sind, können Sie in den Ruhephasen nachhelfen.
Nutzen Sie in der Pause Wärmflaschen oder Kirschkernkissen. Besonders der untere Rücken, die Nierengegend und die Füße profitieren davon.
Investieren Sie in hochwertige, dicke Socken aus Schurwolle. Warme Füße sind der Schlüssel, um das vegetative Nervensystem zu beruhigen und den Kälteschutzreflex des Körpers herunterzufahren.
Fazit: Das Frösteln im Nachtdienst ist keine Einbildung, sondern eine biologische Reaktion auf den gestörten Biorhythmus. Mit der passenden Kleidung, gezielter Ernährung und aktiven Bewegungsimpulsen lässt sich die innere Körpertemperatur jedoch stabil halten, sodass Sie den Dienst konzentriert und gewärmt überstehen.
Welcher dieser Tipps hat sich für Sie im Arbeitsalltag bisher am besten bewährt?
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