Was ist der Unterschied zwischen PTBS und komplexer PTBS? (Teil 1)
Die Diagnosen Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und komplexe PTBS (k-PTBS) begegnen uns heute immer häufiger in der Psychologie, im Schulkontext und in den Medien. Doch wo genau liegt der Unterschied zwischen den beiden Konzepten? Während eine klassische PTBS häufig durch ein einzelnes, klar abgrenzbares Schreckensereignis ausgelöst wird, entsteht eine komplexe PTBS meist durch lang anhaltende, wiederholte Traumatisierungen, aus denen es für die betroffenen Personen scheinbar kein Entkommen gab.
1. Die klassische PTBS: Das Echo eines Schockmoments
Eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt sich typischerweise als Reaktion auf ein akutes, lebensbedrohliches Ereignis. Dazu gehören beispielsweise:
Ein schwerer Verkehrsunfall
Eine Naturkatastrophe (wie ein Erdbeben oder eine Überschwemmung)
Ein plötzlicher, gewaltsamer Überfall oder ein Unfall
Das Miterleben einer lebensbedrohlichen Situation bei anderen
Das zentrale Merkmal der klassischen PTBS ist, dass das Gehirn und das Nervensystem das Erlebte nicht richtig verarbeiten und abspeichern konnten. Das Trauma bleibt gewissermaßen "in der Schleife" stecken.
Typische Symptome der PTBS:
Wiedererleben (Intrusions): Plötzliche, heftige Erinnerungen, Albträume oder Flashbacks, in denen sich die Situation so anfühlt, als würde sie gerade noch einmal passieren.
Vermeidung: Der bewusste oder unbewusste Versuch, alles zu meiden, was einen an das Ereignis erinnern könnte (bestimmte Orte, Menschen oder Gedanken).
Übererregung (Hyperarousal): Ein permanenter Zustand innerer Anspannung, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen oder Reizbarkeit. Der Körper befindet sich ständig im Alarmmodus ("Kampf-oder-Flucht"-Modus).
2. Was macht die komplexe PTBS (k-PTBS) anders?
Die komplexe PTBS (oft als k-PTBS abgekürzt) geht einen entscheidenden Schritt weiter. Sie wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erst vor einigen Jahren als eigenständige Diagnose in den internationalen Klassifikationskatalog (ICD-11) aufgenommen.
Der Unterschied liegt vor allem in der Natur des Traumas:
Chronizität: Es handelt sich nicht um ein kurzes Ereignis, sondern um Zustände über Monate oder Jahre hinweg.
Beziehungsaspekt: Oft finden diese Traumatisierungen im interaktiven Raum statt – also durch nahestehende Personen, in toxischen Familienstrukturen, durch anhaltendes Mobbing (Cybermobbing oder Schulmobbing) über Jahre hinweg oder in missbräuchlichen Verhältnissen.
Machtlosigkeit: Betroffene hatten oft über lange Zeit keine Kontrolle und keine Möglichkeit, der Situation zu entkommen.
3. Die drei zusätzlichen Kernsymptome der k-PTBS
Zusätzlich zu den klassischen Symptomen einer PTBS (wie Flashbacks und Übererregung) leiden Menschen mit einer k-PTBS fast immer unter drei weiteren Symptombereichen, die das Selbstbild und den Alltag massiv beeinträchtigen:
Emotionsregulation: Extreme Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle zu kontrollieren. Betroffene erleben oft heftige Wutausbrüche, tiefe emotionale Taubheit oder anhaltende Zustände von innerer Leere und Niedergeschlagenheit.
Negatives Selbstbild: Ein tiefgreifendes Gefühl von Wertlosigkeit, Scham oder Schuld ("Ich bin kaputt", "Ich bin an allem selbst schuld").
Schwierigkeiten in Beziehungen: Probleme, anderen Menschen zu vertrauen, das Gefühl, von anderen isoliert zu sein, oder die Tendenz, sich in Beziehungen entweder völlig zurückzuziehen oder sich stark anzupassen, um nicht verlassen zu werden.
Möchtest du, dass ich im zweiten Teil dieses Artikels näher darauf eingehe, wie k-PTBS im Gehirn wirkt und welche Wege es zur Bewältigung gibt?
Wege aus der Belastung: Therapie und Ausblick
Die zentralen Unterschiede im Überblick
Während die klassische PTBS meist durch ein einzelnes, klar abgegrenztes Ereignis ausgelöst wird (wie einen Unfall oder einen Überfall), entsteht die komplexe PTBS (kPTBS) typischerweise durch langanhaltende oder wiederholte Situationen, aus denen es für Betroffene kaum ein Entrinnen gab.
Zusätzlich zu den Kernsymptomen der normalen PTBS – wie Flashbacks, starker Vermeidung und ständiger innerer Alarmbereitschaft – leiden Betroffene einer kPTBS unter massiven Beeinträchtigungen in drei weiteren Bereichen:
Affektregulation:
Schwierigkeiten, intensive Gefühle zu kontrollieren. Negatives Selbstbild:
Deep verankerte Gefühle von Wertlosigkeit, tiefste Scham oder Schuld. Beziehungsprobleme:
Erhebliche Schwierigkeiten, stabile Bindungen einzugehen und Vertrauen aufzubauen.
Ansätze für eine erfolgreiche Behandlung
Die gute Nachricht vorweg: Sowohl die PTBS als auch die komplexe PTBS sind heute gut behandelbar, auch wenn der Weg bei einer kPTBS oft mehr Geduld erfordert.
Phasenorientierte Therapie: Bei einer komplexen PTBS steht im ersten Schritt die Stabilisierung im Vordergrund.
Bevor traumatisierende Erinnerungen bearbeitet werden, lernen Betroffene Techniken zur Selbstregulation, um mit emotionalen Überflutungen umzugehen. Traumatherapeutische Verfahren:
Bewährte Methoden wie die Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) oder EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) helfen dabei, das Erlebte zu verarbeiten und im Gehirn neu zu integrieren. Sicherheit und Selbstfürsorge: Langfristig geht es darum, das Vertrauen in den eigenen Körper und in Mitmenschen Schritt für Schritt wiederherzustellen.
Wichtiger Hinweis: Jede Heilung verläuft individuell. Professionelle therapeutische Unterstützung ist der wichtigste Baustein, um die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen.
Fühlst du dich aktuell oft überfordert oder möchtest mehr über konkrete Anlaufstellen für professionelle Hilfe erfahren?
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