Der Begriff „Dissoziation“ leitet sich vom lateinischen Wort dissociatio (Trennung oder Auflösung) ab. Wenn Psychologen oder Mediziner von einer dissoziativen Störung sprechen, meinen sie damit eine fundamentale Unterbrechung des normalen Bewusstseinsstroms. Betroffene erleben, dass Gedanken, Erinnerungen, Körperempfindungen, Handlungen oder die eigene Identität nicht mehr nahtlos miteinander verknüpft sind.
Um zu verstehen, wie sich das im Alltag anfühlt, hilft ein Blick auf ein alltägliches Phänomen: Fast jeder kennt das Gefühl, auf einer langen Autofahrt plötzlich zu merken, dass man die letzten Kilometer wie im Autopiloten zurückgelegt hat, ohne sich bewusst an jedes Detail zu erinnern. Bei einer dissoziativen Störung ist dieser Mechanismus jedoch nicht nur eine harmlose Ablenkung, sondern ein chronischer oder schwerer Zustand, der das Leben massiv beeinträchtigen kann.
Die inneren Erlebnisse: Zwischen Entfremdung und Unwirklichkeit
Das innere Erleben bei einer dissoziativen Störung ist oft vielschichtig und für Außenstehende schwer nachvollziehbar.
Das Gefühl der Entfremdung vom eigenen Ich (Depersonalisation):
Betroffene beschreiben oft, dass sie sich wie in einem Film fühlen, in dem sie selbst die Hauptrolle spielen, aber gleichzeitig als Zuschauer auf der Couch sitzen. Der eigene Körper kann sich fremd, taub oder wie aus Gummi anfühlen. Man schaut auf die eigenen Hände und denkt: „Gehören diese Hände überhaupt zu mir?“ Die verzerrte Wahrnehmung der Umwelt (Derealisation): Hierbei erscheint die Welt plötzlich unwirklich, wie durch einen dichten Nebel oder eine Glasscheibe betrachtet.
Farben wirken matt, Töne gedämpft, und vertraute Orte oder Menschen plötzlich fremd und befremdlich. Gedächtnislücken und Amnesien:
Ein weiteres Kernmerkmal ist das plötzliche Fehlen von Erinnerungen. Betroffene finden sich an Orten wieder und wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind, oder es fehlen ganze Zeitfenster im Leben, die sich durch normales Vergessen nicht erklären lassen.
Warum reagiert das Gehirn auf diese Weise?
Aus neurologischer und psychologischer Sicht ist die Dissoziation ursprünglich ein genialer Schutzmechanismus des Gehirns. Wenn Menschen – insbesondere in der Kindheit – extremer oder traumatischer Belastung ausgesetzt sind, die sie physisch oder emotional nicht bewältigen können, schaltet die Psyche auf einen Notfallmodus.
„Wenn der Schmerz oder die Bedrohung zu groß wird, um sie zu ertragen, trennt sich das Bewusstsein ab. Die Psyche tut so, als würde das Geschehen nicht der eigenen Person zustoßen, um das Überleben zu sichern.“
Was in einer lebensbedrohlichen Situation als lebensrettender Schutzschild dient, verselbstständigt sich bei einer Störung jedoch.
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