Sind Co-Abhängige eigentlich Narzissten?
Die Frage, ob co-abhängige Menschen selbst Narzissten sind, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. In der Psychologie spricht man häufig vom sogenannten Co-Narzissmus oder Komplementär-Narzissmus. Dieser Begriff, maßgeblich geprägt von dem Schweizer Psychotherapeuten Jürg Willi, beschreibt das emotionale Gegenstück zum klassischen Narzissmus. Co-Narzissten sind per se keine egozentrischen Selbstdarsteller, aber ihre Dynamik ist untrennbar mit dem Narzissmus verbunden.
Während der klassische Narzisst nach Bewunderung, Macht und ungeteilter Aufmerksamkeit strebt, zieht der Co-Narzisst seinen Selbstwert aus einer anderen Quelle: Er ist süchtig danach, gebraucht zu werden. Co-abhängige Menschen neigen dazu, ihre eigenen Bedürfnisse komplett zu unterdrücken, um die Wünsche des Partners zu erfüllen. Sie definieren ihre Identität über die Aufopferung für den anderen. Genau aus diesem Grund bilden Narzissten und Co-Narzissten im Beziehungsalltag oft die perfekte, wenn auch toxische Ergänzung.
Obwohl Co-Narzissten nicht die typischen Züge von Grandiosität oder Empathiemangel zeigen, teilen beide Seiten eine Gemeinsamkeit: Ein tief sitzendes Problem mit dem eigenen Selbstwertgefühl und die Unfähigkeit, eine stabile, gesunde Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Statt auf echter, bedingungsloser Liebe basiert diese Konstellation auf einer wechselseitigen emotionalen Abhängigkeit. Während der eine Partner Bestätigung durch Dominanz sucht, klammert sich der andere an die Rolle des Retters. Am Ende ist Co-Narzissmus also kein echter Narzissmus, sondern das komplementäre Puzzleteil in einem schmerzhaften Kreislauf.
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