Sind Dissoziationen Psychosen?

Die Frage, ob Dissoziationen dasselbe sind wie Psychosen, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Tatsächlich liegen zwischen beiden Phänomenen feine, aber wichtige Unterschiede – und doch gibt es auch Berührungspunkte.

Dissoziation beschreibt ein Spalten oder Ablösen von Bewusstseinsinhalten: Gedanken, Gefühle, Körperwahrnehmungen oder Erinnerungen können sich voneinander trennen, sodass Menschen das Gefühl haben, nicht mehr ganz „da“ zu sein. Es kann sich anfühlen, als würde man sich selbst von außen beobachten oder als wäre die Umwelt unwirklich.

Wenn solche abgespaltenen Inhalte plötzlich ins Bewusstsein eindringen, entsteht leicht ein psychotisches Erleben.

Das bedeutet: Jemand könnte plötzlich Stimmen hören, die wie fremde Gedanken wirken, oder von scheinbar realen Wahrnehmungen überrascht werden, die keine äußere Ursache haben. Solche Symptome werden oft als schizophrene oder psychotische Störungen klassifiziert – doch aus einer dissoziativen Perspektive sind sie als Eindringen von abgespaltenen Anteilen zu verstehen.

In vielen Kulturen wird dieses Phänomen anders gedeutet. Was in einem Kontext als psychotisch gilt, kann in einem anderen als spirituelle Erfahrung gelten. Die Deutsche Gesellschaft für Traumatherapie (DGTD) betont daher, wie wichtig es ist, Dissoziation transkulturell zu betrachten – also im jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext.

Dissoziation ist also nicht automatisch Psychose – aber sie kann zu psychotisch anmutenden Symptomen führen, wenn das, was abgespalten wurde, ungefiltert ins Bewusstsein dringt. Das Verständnis dafür hilft Therapeuten, tiefer zu schauen – und nicht nur Symptome zu behandeln, sondern deren Ursprung.

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